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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 632

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Der Sündenbock
Date
1916-12-01
Page
632 (sequence 2)
Language
German
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632 Bemerkungen Losung gefunden; „Die ganze Z.E.G. ist verjudet; alle Juden müßten heraus!" Natürlich! Wie hat man das auch nur einen Augenblick vergessen können! Es hätte selbstverständlich auch hier keinen Zweck, dem Betreffenden vorzuhalten, daß wir zunächst, abgesehen von einigen Sensationsfällen, über Leistung und Nichtleistung der Z.E.G. recht wenig wüßten, ebenso wenig wie über die prozentuale Beteiligung der Juden an diesem Unternehmen; daß ferner die Juden in Anbetracht ihrer vorwiegenden Betätigung im Kaufmannsstande selbstverständlich in größerer Zahl der Z.E.G. angehören als ihrer Bevölkerungsziffer entspricht; daß die Juden zweifellos eine gewisse Befähigung zu solcher Beschäftigung besitzen, wie man sich denn auch vor dem Kriege über ihre hervorragende Beteiligung an Großhandel und Großindustrie genugsam geärgert habe; daß ferner ein erkennbarer Zusammenhang zwischen dem obenerwähnten Lapsus und gerade der jüdischen Mitarbeit an der Z. E. G. nicht vorhanden sei; und daß schließlich, wenn die Z.E.G. wirklich ihre ganze Tätigkeit in kleinlichen und unfruchtbaren Maßnahmen erschöpfte, unbedingt noch viel mehr Juden als Organisatoren in diese Gesellschaft aufgenommen werden müßten. — Doch was halfen all diese Erwiderungen? Den wenigen, die sich hatten umstimmen lassen, war ein vorzüglicher Blitzableiter leitungsunfähig geworden, und im übrigen hieß es weiter: „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt!" Und also steht geschrieben: „Und Aaron lege seine beiden Hände auf den Kopf ... des Bockes und schicke ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste, daß der Bock auf sich trage alle ihre Vergehungen in ein ödes Land. So schicke er den Bock fort in die Wüste.*4 Uns aber dünkt, es sei Zeit, daß wir uns dieser undankbaren Packeselarbeit weigern; wir tragen an unsern eigenen Sünden und Fehlern — und das genügt uns reichlich! Arthur Joel Das Recht auf den Verbrecher Ich glaube, wir sollten mit jeglicher Apologie ein für alle mal aufhören. Wir haben uns nicht zu entschuldigen. Es ist merkwürdig, daß gerade die wütendsten Antisemiten als selbstverständliche Voraussetzung die höchsten ethischen Maßstäbe an uns anlegen. Und daß wir uns getroffen und schuldbewußt fühlen, wenn es dann nicht ganz stimmt. Aber niemand hat das Recht von uns zu verlangen, daß wir uns wie ein auserwähltes Volk zu betragen haben, als Gott und wir selbst. Den Anderen muß es genügen, wenn wir das normale Menschenpack sind. Was soll z. B. das Gerede von jüdischen Lebensmittelwucherern, Preistreibern und Kettenhändlern?! Rechnen wir denn den verehrten Herren ihre Raubmörder, Einbrecher und Totschläger vor? Jenes sind eben unsere Verbrecher. Jeder wie er kann: der eine mit dem Bizeps, der andere mit dem Großhirn. Es gibt allerdings Romantiker, denen der Straßenräuber sympathischer ist als der Börsenspekulant — aber die Staatsraison teilt bekanntlich diese Auffassung nicht. Denn man kann sich vor diesem schließlich immer noch leichter schützen als vor jenem: man braucht ihm nur keine Gelegenheit zu geben. Und darauf kommt es an: man sehe sich vor und ergreife jede Maßregel; man erweist uns einen doppelten Dienst damit. Aber man höre auf, uns diese relativ harmlosen Leute vorzuwerfen, die immerhin nur das Geld wollen und nicht das Leben. Sonst werden wir die Zumutung, ausgerechnet wir müßten ein Volk von Heiligen sein, zurückweisen und als nur scheinbar paradoxe Konsequenz der vollen Gleichberechtigung für uns verlangen: nicht nur das Recht auf den Reserveoffizier, sondern auch auf das Recht auf den Verbrecher. Markus Reiner

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