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Der Jude · 1916-12-01 · Heft 9 (Dezember 1916) · p. 631

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 9 (Dezember 1916)
Article
Der Sündenbock
Date
1916-12-01
Page
631 (sequence 1)
Language
German
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BEMERKUNGEN Der Sündenbock Wir Juden haben den Sündenbock erfunden und müssen dafür seit langem gestatten, daß man uns selbst zum Sündenbock gemacht hat. Man lud dem Bock alle Sünden des Volkes auf und schickte ihn in die Wüste, froh, den lästigen Gesellen mit seiner unbehaglichen Bürde los zu sein; ebenso tragen wir, seit wir in der Wüste des Galuth umherirren, neben unsern eigenen und unserer Väter Sünden noch die der andern, für die der Urheber noch gesucht werden muß; und wenn man erst einmal heraus hat, daß „natürlich" die Juden die „Schuld" haben, so fühlt man sich schon bedeutend leichter und — schuldloser. Herr Professor Abel, Jena, ist aus dem Kriegs-Ernährungsamt ausgetreten; und um den darüber umlaufenden, verschiedenartigen Gerüchten entgegenzutreten, veröffentlicht das K.E.A. das Schreiben, in dem Herr Abel seinen Austritt anmeldet. Nach Erörterungen über persönliche Differenzen und die mangelhafte Mitarbeit der außerhalb des K.E.A. stehenden Behörden kommt Herr Abel in seinem Schreiben auf die eigentliche Schuld des K.E.A. zu sprechen, die darin bestehe, „daß große Teile der Bevölkerung heute in Wahrheit unterernährt werden ..daß der Mittelstand systematisch zugrunde gerichtet wird; daß jüdische Gaunerei*) und agrarische Habsucht das Volk in unerträglicher Weise auspowern; daß infolgedessen immer schärfere Erbitterung weite Kreise erfaßt. . ." usw. usw. Gott sei es gedankt! Die jüdische Gaunerei ist mit am Werke. Als im 14. Jahrhundert der „schwarze Todu von Asien kommend über Europa hinwegraste, da hatte man auf der Suche nach dem Sündenbock bald die Schuldigen fest, nämlich die Juden, die die Brunnen vergiftet hatten; und die Folgen dieser Anklage sind männigüch bekannt. Wie tugendsam schaudert es uns heute, wenn wir von solchen Barbareien hören; wie stolz-mitleidig blicken wir auf jene „finstere" Zeit zurück, die bei einer Pestepi- *) Von mir gesperrt. D. Verf.. demie nach den „Schuldigen" fahndete; und doch dachten und handelten jene Mittelalterlichen, die vielleicht viel „heller" waren, als wir denken, immer noch logischer und folgerichtiger als der neuzeitliche Universitätsprofessor Abel. Denn da damals die Juden infolge ihrer Lebensweise von der Pest verschont geblieben waren, lag es nahe, sie als Brunnenvergifter anzusehen, die sich wohlweislich einige nur ihnen bekannte gesunde Brunnen vorbehalten hätten; es hat aber keinen Sinn, Herrn Abel darauf hinzuweisen, daß es etwas Analoges in seinem Falle nicht gibt; daß auch große Teile der jüdischen Bevölkerung heute ,,in Wahrheit" unterernährt werden; daß auch der jüdische Mittelstand seinen Schaden davonträgt, und daß demzufolge auch jüdische Kreise von der oben erwähnten Erbitterung erfaßt werden — was alles nicht der Fall sein könnte, wenn die „jüdische Gaunerei" gerade als spezifisch jüdische ihre Hand dabei im im Spiele hätte; es hat ferner keinen Zweck, daß man Herrn Abel das Unlogische seiner Anklage vorhält, wenn er „jüdische" Gaunerei und „agrarische" Habsucht in Parallele stellt, da nicht „Jude" und „Agrarier", sondern etwa „Kaufmann" und „Agrarier" oder etwa „Jude" und „Christ" kommensurable Begriffe sind; es hat weiter keinen Zweck, daß wir die Fälle unehrlichen Geschäftsgebahrens, die wirklich bei Juden vorgekommen sind, sittlich empört von uns weisen, jede Gemeinschaft mit solchen Leuten ablehnen und solche Gesinnung und Handlungsweise als Schaden an unserm eigenen Körper bezeichnen; all dies hat keinen Zweck, weil man uns nicht hören will, weil, wenn sich der Hörer diese Vorhaltungen zu eigen machte, der eben gefundene Bock, der der Sünden Last geduldig zwischen seinen Hörnern zum Asasel schleppt, unbrauchbar geworden wäre. Ein ähnlicher Fall: Im Kreise höherer Militärpersonen kommt die Rede auf die Z.E.G. und von da aus bald auf die mittlerweile zum Paradigma gewordene Familie mit der schikanösen Speckgeschichte. Man schilt über Kleinigkeitskrämerei, entrüstet sich über Klasseninteressen, und schließlich hat einer des Rätsels

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