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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 104

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Entgegnung
Date
1925-01-01
Page
104 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen nalgefühl, nur ein frisch erworbener, funkelnagelneuer Stammesstolz empfindet Kritik, Vorwurf, Tadel als unverzeihliche Beleidigung und schon den Mangel an Bewunderung und Lob als unstatthafte Einmischung. Junge Völker vertragen daher auch keine Karikatur, keine Kollektiv - Ironie oder Verspottung, sind überempfind* lieh gegen fremde Beurteilung und sofort verletzt durch eine Darstellung, die ein anderes Volk ruhig hinnimmt, prüft oder einfach nicht beachtet. Selbstanklage gar oder Zweifel an dem Wert aller Volksgenossen und aller nationalen Errungenschaften in den eigenen Reihen ist geradezu Hochverrat. „Um es einfach zu sagen": das sogenannte „primitivste Selbstgefühl" ist hier fast immer mit Chauvinismus, übersteigerter nationaler Empfindlichkeit gleichbedeutend. Chauvinismus ist, psychoanalytisch gesprochen, meist nichts anderes als die Überkompensation früheren nationalen Minderwertigkeits- oder noch andauernden Unsicherheitsgefühls. Döblins Ablehnung ist chauvinistisch, sie stammt aus der Enge jenes ersten Stadiums nationalen Sichwiederfindens, das auch wir alle einmal durchgemacht haben, ob wir das Volkstum zuerst in uns selbst oder äußerlich sichtbar im Osten fanden. Für diese Entwicklungsphase ist ein Kon traktionsprozeß charakteristisch, das Sich zurückziehen auf die eigene Art, jene notwendige und natürliche Verengerung des Gesichtskreises, die allem National- und diesem ähnlichen Artgefühl anhaftet und die mit Recht dem Nationalismus vorgeworfen wird — wenn er auf dieser Stufe stehen bleibt. Es darf nicht verschwiegen werden, daß auch unter den ihres Volkstums bewußten Juden der größte Teil ebenso in diesem ersten Stadium des Sichabschließens stecken geblieben ist wie die meisten anderen Völker. Zu seiner Überwindung und Ablösung durch die zweite Phase, die der nationalen Aufgeschlossenheit, der Wandlung des nationalen Ichzum nationalen Welt gefühl, gehört mehr als der bloße Rasseninstinkt und sein bequemer „sacro egoismo". Aber nur auf den bereits fest gegründeten Fundamenten der wiedergewonnenen nationalen Körperlichkeit kann das höhere Stockwerk der Seele gebaut werden, mit seinem weiteren und freieren Umblick. Natur will Geist werden — diese Losung verhallt leider in unserem herrlichen, in allem und jedem nur dem Körperhaften zugewandten Zeitalter. (Nationalismus — der untersten Stufe —, Faszismus, Magenauffassung und mechanistische Denkweise im historischen Materialismus, Amerikanismus, „Rationalisierung", richtiger: Mechanisierung, der Wirtschaft — sie alle bilden die unzerreißbare Schlinge, mit der die stärkste und größte Lebensmacht der Heutigen, der Sport, dem Geist schließlich die Kehle zuschnürt). Dem schlechten nationalen Instinkt der eine Meinung nur gelten läßt, wenn sie aus der eigenen Mitte stammt, der aus Not und Notwendigkeit der nationalen Selbstbegrenzung die Untugend der Überheblichkeit und des Dünkels macht, setzen wir unseren Willen, jeden zu hören, von dem wir glauben, daß sein Sprechen förderlich sein könnte, genau so entgegen wie jener eitlen Besserwisserei und Fachsimpelei, die aus Judentum und Judenfrage eine Art Geheimwissenschaft machen möchte. Nur Juden dürften nach dieser gelehrten Spezies über jüdische Dinge urteilen, und man sieht sie geradezu die hochmütige Nase rümpfen: „Was versteht schon der Goj davon!" (Nicht viel anders ist übrigens die Überhebung gewisser Orthodoxen, im prägnanten Sinne des Worts, über die Juden, die nicht „gelernt" haben und es trotzdem wagen, über Judentum zu sprechen und sich zu ihm zu bekennen. Als ob es nicht Glaubens- und andere Dinge in und zwischen den Seelen gäbe, die keine Schulweisheit 104

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