Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Bericht und Berichtigung
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 89 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bericht und Berichtigung- Erfüllung möglich sei/' Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte, die Pharisäer seien Menschen eines heiligen Verzichts gewesen. Das ist etwas ganz anderes: das Gesetz bedeutet keinen Verzicht. Das etwra von seinen Geboten, welches Jesus als ,,das erste4' anführt — ,,Liebe IHN deinen Gott mit all deinem Herzen, mit all deiner Seele, mit all deiner Macht" — ist unerfüllbar, und das, welches er als ,,das andere" anführt — ,,Liebe deinen Genossen dir gleich" — ebenso. Und doch sind beide erfüllbar: im Sovielich-vermag jedes wirklichen Menschentags. So erfüllbar auch das unerfüllbarste, das die Tiefe der Unerfüllbarkeit offenbarende: „Werdet heilig, denn heilig bin ich." Erfüllbar sind sie, und doch graut den Menschen immer wieder vor ihrer Unerfüllbarkeit. Jesus ist der Mensch, der, von derErfahrung des eigenen Erfüllens emporgehoben, das Erfüllen schlechthin in seiner Nachfolge verheißt (Matthäus 5, 17 f.) Paulus nimmt sein Wort wieder auf (Römerbrief 3, 31), aber seine Verzweiflung an der erfahrenen Unerfüllbarkeit übertönt es (7, 22 ff.) und klingt aus in einem Bekenntnis, in dem die Erfüllung zur Auflösung wird (10, 4). Die Pharisäer aber sind die Menschen, die der Unerfüllbarkeit bewußt, die Erfüllbarkeit im Soviel-ich-vermag jedes wirklichen Menschentags lehren. Das nenne ich einen heiligen Verzicht. Ich habe in meinem ersten Buch (1906) das ,,Wollen des Unmöglichen" als wesentliche Eigenschaft des Judentums dargelegt und unter den großen Beispielen dafür Jesus und Paulus genannt; später erst zeigte ich als die andere wesentliche Eigenschaft das Streben nach der Verwirklichung auf. In dieser Spannung steht, in ihr geschieht die jüdische Geschichte. Das Wollen des Unmöglichen droht immer wieder mit Zersprengung des Bestands; das „pharisäische" Streben nach der Verwirklichung wirkt immer wieder einfassend, wahrend, erhaltend. Wäre dies Erhaltung eines Volks um seiner selbst willen, so wäre es, wenn auch von einigem geschichtlichen Belang, letztlich eitel und unwichtig; aber es ist die Erhaltung eines Volks um seines Amts willen, eines langen, eines frühen und späten, eines verratenen und bewährten Amts, in dessen noch unfaßbarem Vollzug die Spannung zwischen Unmöglichem und Wirklichem, Unerfüllbarkeit und Erfüllung ihren übergeschichtlichen Ausgleich findet, nicht in geistiger Synthese, sondern in faktischer Vollendung. Was ich sonst zu dem Gegenstand zu sagen habe — nicht zum psychologischen „Komplex" freilich, aber zum Gegenstand selber — muß ich einer anderen Aussprache vorbehalten. 89