Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Der jüdisch-christliche Komplex
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 87 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdisch-christliche Komplex Daß in der dialektischen Verwirrung dieses seelenarmen Zeitalters der unerwünschte jüdische Geist im Vordertreffen kämpft, ist bekannt genug. Nicht weniger bekannt aber ist, daß auch Moses, der dem rohhen Heidentum das Gesetz brachte, der Pharisäer, der es lange lebendig erhielt, Jesus, der es erfüllte, derselben Rasse sind. Der „unerwünschte" jüdische Geist ist nichts anderes als die Erstarrung auf einer früheren Heilsstufe, ein unseliger Zustand, der sich affektiv und dialektisch überkompensiert, statt in innerer Gelassenheit das Versäumte seelisch nachzuholen. MARTIN BUBER Beriet uni> B eri d) tt gttng Umsonst habe ich versucht, eine Entgegnung auf den Aufsatz von Oscar A. H. Schmitz „Der jüdisch-christliche Komplex" abzufassen. Ich habe dabei wieder einmal, und besonders eindringlich, gemerkt, daß es eine Grenze gibt, jenseits deren für mich die Möglichkeit des Entgegnens aufhört und nur noch die der „tatsächlichen" Berichtigung verbleibt. Ich kann wider einen Gegner kämpfen, der mir durchaus entgegen steht; ich kann nicht wider einen Gegner kämpfen, der auf einer anderen Ebene steht. Es sei erläutert, was ich damit meine. Schmitz urteilt über die Pharisäer, ohne sie aus anderer Quelle zu kennen als aus dem Mund ihrer Feinde, die eben den Terminus „pharisäisch" in die Welt gesetzt haben. Das ist, wie wenn man über das frühe Christentum einzig auf Grund der neoplatonischen Polemik, oder über die griechische Religion auf Grund der kirchenväterlichen Verdammungen urteilen wollte. Es wäre ja nicht nötig gewesen, sich mit dem Talmud selbst zu befassen. Schmitz hätte bloß das Buch eines christlichen Theologen über den Gegenstand, „ThePharisees" von R. Travers Herford (London 1924), durchzublättern gebraucht, um Stück für Stück auf die Haltlosigkeit seiner Behauptungen hingewiesen zu werden, bis er auf der vorletzten Seite, als Ergebnis einer gründlichen Forschungs- und Erkenntnisarbeit, dieses Urteil über sein, Schmitzens, ja nur allzu verbreitetes Urteil fände: „A greater misreading of history ü is scarcely possible to imagine" Und nun nennt Schmitz, der so, sagen wir: selbstsicher verfährt, die Pharisäer „selbstgerecht"! Auf dieser Ebene kann ich nicht Fuß fassen. Und wenn er dann mit der gleichen Selbstsicherheit vom Leben und Sterben Gustav Landauers redet, eines der reinsten, echtesten, edelsten, mutigsten, treusten Menschen dieses Zeitalters; wenn 87