Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Der jüdisch-christliche Komplex
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 68 (sequence 1)
- Language
- German
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Oscar A. H. Schmitz OSCAR A. H. SCHMITZ Btt füi>ifty'%iiftlityt atompie? Das Einzige, was uns in der Lösung der Judenfrage weiter helfen kann, ist: unsere Empfindlichkeiten zu analysieren. Dabei wird sich herausstellen, daß sie auf jüdischer Seite wohl oft auf erlittenem Einzel-Unrecht beruhen, zu ebenso großem Teil aber auch auf einem begangenen Fehler, den ich glaube, heute in tiefere Seelenschichten verfolgen zu können, als in meinem ersten Aufsatz: ,,Wünschenswerte und nicht wünschenswerte Juden". Da dieser Fehler ein tragischer Irrtum ist, der in keiner Weise Ehre oder Charakter des Judentums als Gesamtheit befleckt, dürfte seine Anerkennung mehr als jede dialektische Widerlegung die ebenso rohen wie oberflächlichen Anklagen der Rasseantisemiten zu Fall bringen helfen. Zunächst muß ich auf einige polemische Stellen der Aufsätze von Buber und Krojanker eingehen, in denen ich noch Empfindlichkeit leise mitklingen höre. Freilich habe ich mir selbst eine Blöße gegeben, die ich nicht rechtfertigen, sondern nur bekennen kann. Selbstverständlich hat Buber Recht, wenn er mir den Ausdruck ,,Pharisäismus im nicht entwertenden alttestamentarischen Sinn" vorwirft, denn im Alten Testament gibt es gar keine Pharisäer. Nur hat dieser für wissenschaftliche Augen grobe Schnitzer nichts mit dem Sinn meiner Gedankengänge zu tun. Ich meinte natürlich das Pharisäertum vor seiner Entwertung durch die Evangelisten, als eine bestimmte Geisteshaltung, so etwa, wie man das Wort Jesuit sowohl als entwertende Kritik wie zur Bezeichnung einer bestimmten Zugehörigkeit ohne Entwertung gebrauchen kann. Statt alttestamentlich hätte ich also vorneutestamentlich sagen und mich erinnern müssen, daß zwischen Altem und Neuem Testament ein langer Zeitraum liegt, und zwar eben der, in welchem das Pharisäertum entstand. An einer anderen Stelle wrirft mir nun Buber unzulängliche Fundierung und die Verwendung „leichtherziger Phrasen" vor, auf die er nicht eingehen mag, und führt als Beispiel den Ausdruck „pharisäischer Klassenhaß" an, der doch wohl im Hinblick auf die Revolutionäre recht gut fundiert ist. Ein Blick in die sozialistische Presse und die sozialistisch gefärbte Roman- und Theaterliteratur zeigt hier zwischen Sozialisten und „Bourgeois" genau jenes Gesinnungsverhältnis, das wir im Evangelium zwischen Pharisäer und Zöllner finden, nur ganz erheblich verschärft. Nicht nur ist hier der Proletarier der „Auserwählte", sondern der „Bourgeois" 68