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Der Jude · 1925-01-01 · 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum · p. 46

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
Article
Das alte und das neue Judentum
Date
1925-01-01
Page
46 (sequence 15)
Language
German
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Simon Dubnow private und öffentliche Leben des Individuums erstrecken, zusammengehalten werde. Diese dogmatisch denkende Masse sieht in jedem gegebenen Moment nur das Endresultat der historischen Entwicklung, ohne den Prozeß der Aufschichtung neuer Elemente über den alten wahrzunehmen. Sie weiß nicht, daß die Religion in künstlicher Weise nach und nach alle nationalen Institutionen des jüdischen Volkes in sich aufgenommen hatte: geschichtliche Feiertage, Sitten und Gewohnheiten, Rechtsnormen, soziale Einrichtungen, die ganze Struktur der in der Diaspora erhalten gebliebenen inneren Selbstverwaltung. Da diese Masse den äußeren Anstrich für das Wesen nahm, vermengte sie dermaßen das Nationale mit dem Religiösen, daß jenes in diesem wohl versank — aber nicht verschwand. Denn der Standpunkt der orthodoxen Masse kann folgendermaßen ausgedrückt werden: ,,Die Judenheit ist eine Religionsnation; ihre Mitglieder sind miteinander durch die Kraft des religiösen Imperativs oder der Ritualdisziplin verbunden, so daß jeder, der diese Disziplin mehr oder weniger erheblich verletzt, dadurch auch aus dem Volksverband ausscheiden muß". Dieser Standpunkt widerspricht eigentlich nicht dem Begriff der geistigen oder der Kulturnation: er identifiziert nur irrtümlich die Begriffe ,,geistig" und ,,kulturell" mit religiös". Es ist die Enge eines einseitigen Gesichtskreises: die Gewohnheit des unkritischen Geistes, eine ein für allemal stabilisierte Überlieferung dort zu sehen, wo in Wahrheit eine lebendige schöpferische Evolution waltet. Lassen wir indessen der orthodoxen Masse ihren Glauben, daß jüdische Nationalität und Religion ein und dasselbe seien. In diesem naiven Glauben birgt sich das Geheimnis der ungewöhnlichen Standhaftigkeit des Durchschnittsjuden. Mag er der Religion das zu gute halten, was in Wirklichkeit dem gesamten Kulturschatz der jüdischen Nation zu verdanken ist; mag er sich mit jenem einseitigen Bewußtsein begnügen, solange ihm eine vollständige, auf Untersuchung und Kritik beruhende Erkenntnis unzugänglich bleibt. Es wird auch für diese die Zeit kommen. Und dann wird der konservative Geist einsehen, daß viele freidenkende Juden, die die strenge religiöse und rituelle Disziplin verletzen, dennoch treue und aufopferungsvolle Söhne ihres Volkes bleiben und nicht nur aus dem Volksverbande nicht austreten, sondern vielmehr mit allen Kräften bemüht sind, ihn zu stärken. Schon diese Einsicht wird Anstoß zu kritischem Nachdenken geben. Man wird anfangen, das Nationale von dem Religiösen zu unterscheiden, und die Kenntnis der wissenschaftlich begründeten Geschichte wird auch den Grund der Verwechslung dieser beiden Begriffe bloßlegen. Dann wird in breiteren Kreisen der Prozeß der Verweltlichung der natio- 46

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