Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Zionismus und Rücksicht auf deutsches oder anderes Nationalgefühl
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 31 (sequence 7)
- Language
- German
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Zionismus und Rücksicht auf deutsches oder anderes Nationalgefühl Nun erhebt sich die Frage: Ist ein eifriges Eintreten für den Zionismus eine Verleugnung des deutschen oder englischen oder italienischen usw. Nationalgefühls? Zeigt man nicht eine Geringschätzung des Vaterlandes, das einem und den Vorfahren vielleicht seit Jahrhunderten das Gastrecht geboten hat, des Volkes, in dessen Mitte man gewohnt hat, wenn man das Zukunftsideal des eigenen Stammes in einer neuen Heimat sucht? — Darauf ist einfach zu erwidern, daß es sich bei der zionistischen Bewegung nicht um die Judenschaft eines einzelnen Landes, sondern um Gesamtinteressen des Judentums handelt. Der deutsche Jude braucht also gar nicht darnach zu streben, die Juden seiner deutschen Heimat nach Palästina zu führen. Allein er weiß genau, daß es viele Juden in anderen Ländern gibt, welche unbedingt eine neue Heimat brauchen, weil ihnen in ihrer verfolgten, verachteten, kümmerlichen Lage geholfen werden muß. Er hat doch das Recht und die Pflicht, sich für sie zu interessieren und ihnen zu helfen, und zwar dann ganz besonders, wenn er anerkennt, daß er sich selber in günstigerer Lage befindet. Da nun die Interessen der nach Palästina eingewanderten Juden dann am besten gesichert sind, wenn sie einen Staat bilden, so kann es keinem mit Recht verübelt werden, wenn er auch dieses Ziel mit im Auge hat. Gibt es nicht außerdem einen geistigen Zionismus, der keine Einwanderung und noch weniger einen Staat, sondern nur die Hochhaltung und Pflege jüdischen Geistes erstrebt? Gegen ihn ist erst recht nichts einzuwenden. — Aber selbst wenn das Streben eines deutschen Zionisten dahin gerichtet wäre, auch den Juden des eigenen Heimatlandes eine Einwanderung nach Palästina zu ermöglichen, sehe ich darin nichts, was dem deutschen Nationalgefühl entgegengesetzt wäre. Es gibt überall arme Leute, die in ihrer Heimat nicht recht gedeihen können und gezwungen sind, an Auswanderung zu denken. Warum sollen ihnen vermögendere Volksgenossen nicht unter die Arme greifen? Alle Werke und Vereine zugunsten von Auswanderern sind mit demselben Rechte antinational, wenn der Zionismus eine antinationale Gesinnung in sich schließt. Eine gesunde Auswanderungspolitik kann einen Dienst an Vaterland und Volk bedeuten. Wie nach alter Vorstellung der Aderlaß dem Körper zur Heilung diente, so kann auch die Hinleitung einzelner Volkselemente in fremde Gebiete unter Umständen dem Gesamtvolke zugute kommen. Endlich kann der moralische Aufschwung, den die zionistische Bewegung hervorruft, doch auch nur von Vorteil für das deutsche Volk und Vaterland sein. Ein von Idealen getragener Jude wird dem Deutschtum sicher bessere Dienste leisten, als ein aller Ideale barer. 31