Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Die Juden unter den Deutschen
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Juden unter den Deutschen von den ihm gewährten Rechten im Sinne derer Gebrauch zu machen, die sie ihm gewähren. Und da er keine Irredenta vertritt und nicht wie die Iren oder früher die Polen oder heute die unterdrückten Grenzdeutschen gegen den eigenen Willen unter fremde Herrschaft gebeugt worden ist, vielmehr nach Palästina auswandern kann, wenn er nur will, so liegt ihm ob, komme was immer, im Krieg auf deutscher Seite zu stehen. Fühlt er sich dazu nicht imstande, so muß er die Konsequenzen rechtzeitig ziehen. — Man darf wohl die Prognose wagen, daß bleiben werden die individuelle Assimilation auf der einen und der Zionismus auf der anderen Seite. Aber weder die Pietät gegenüber der historischen Tradition noch die Bande der Religion werden auf die Dauer stark genug sein, das Judentum und die Judenheit als Gemeinschaft in Europa zu erhalten. Es ist möglich, daß das unabänderlich ablehnende Verhalten der Umwelt das Gastvolk zwangsweise immer wieder zusammenschweißen wird. Aber die Vorstellung, daß eine Gruppe auf alle Dauer nur durch den Haß der anderen leben sollte, hat wenig Wahrscheinlichkeit für sich, und sie wäre außerdem, wenn sie das letzte Stadium im Leben eines einstmals stolzen Volkes bezeichnen sollte, in höchstem Maße deprimierend. — THEODOR LESSING 0ui>ffd)es SdMtffal In Hannover wurde ich geboren, nachdem Vorelternschaft von Vatersseite dort schon zweihundert Jahre gesessen hatte. Ich bin ein Leben lang an dieser Stelle der Erdrinde haften geblieben. Ich weiß, daß es schönere Länder gibt und wohlwollendere Menschen. Aber dies war nun mal mein Land und mein Schicksal. Und so habe ich es geliebt. Und auch der Haß war Liebe. Von früh an sah ich mich als Schnittpunkt mehrerer einander bestreitender Kreise. Meine Vorfahren waren verschieden dem Blute und der Rasse nach; waren verschieden den Berufen nach; und verschieden auch nach Religion und Weltanschauung. Ich konnte weder sagen, daß ich Jude noch daß ich Deutscher sei. Und wenn man mich heute stellen würde vor ein solches „Problem", so empfinde ich Pein, wie die Kinder in Frankreich beim „jeu de bateau". Dies ist ein Pfänderspiel: zwei geliebte Personen werden genannt; der Befragte hat sich vorzustellen, er ii