Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 3 (1926) Sonderheft Judentum und Deutschtum
- Article
- Die Juden unter den Deutschen
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 10 (sequence 10)
- Language
- German
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Walter Sulzbach und man wird zugeben müssen, daß es, wenn überhaupt welche, dann herzlich wenige sind. Wie die Vertreter der verschiedensten philosophischen Richtungen meistens bemüht sind, sich in ihren ethischen Deduktionen der Alltagsmoral anzupassen, und wie infolgedessen die heutige katholische Kirche, fast alle protestantischen Sekten, Plato, Bergson und Haeckel von den heterogensten Ausgangspunkten aus sich in der Hochbewertung des Vaterlandsgedankens treffen, ebenso kann fast jedes Tun und Lassen gleich schlüssig oder unschlüssig durch die Tatsache der Zugehörigkeit zu der einen oder der anderen Nation gerechtfertigt werden. — — Dazu kommt noch, daß am allerseltensten außen politische Probleme in den Gesichtskreis des normalen Staatsbürgers treten, und daß selbst Parlamentswahlen in der Regel nur in innerpolitischen Fragen zur Stellungnahme aufrufen. Indessen gilt dies alles nicht mehr in dem Augenblicke, wo ein Krieg droht oder ausgebrochen ist. Da nimmt die kämpfende Gruppe den Menschen voll in Anspruch, da muß er dem eigenen Staats verbände folgen und jedem fremden abschwören. Soweit sich die in Frage stehenden Bedenken gegen die (sonst, wie wrir sahen, übertriebene) angebliche contradictio in adjecto eines deutschen Zionismus auf diesen Fall beziehen, erfordern sie eine weitere und sehr ernste Überlegung. Allerdings ist die Gefahr des Praktischwerdens eines Gewissenskonfliktes auch hier nicht allzu groß, da keinerlei Wahrscheinlichkeit dafür spricht, daß es zwischen dem Deutschen Reiche und einem souveränen Palästina je infolge von divergierenden Interessen zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommen könnte. Und wenn die Ziele Deutschlands und die der britischen Mandatarmacht wieder einmal konfligieren sollten, wird der Eintritt eines Antagonismus zwischen den Interessen des deutschen Volkes und dem Schicksale gerade Palästinas so viele Zwischenglieder zur Voraussetzung haben und von so vielen besonderen Bedingungen abhängen, daß die Beurteilung der Stellung des deutschen Zionismus auch für diesen Fall einen vorläufig rein akademischen Charakter trägt. Eher noch dürften die deutschen Kommunisten und selbst die deutschen Katholiken durch die auswärtige Politik ihres Vaterlandes Gewissenskonflikten ausgesetzt werden. Aber das alles schließt nicht aus, daß der deutsche Zionist imstande sein muß, auf die Frage, wie er sich zu verhalten gedenkt, wenn das Unwahrscheinlichste doch eintritt, Rede und Antwort zu stehen. Und da scheint denn doch die Entscheidung eindeutig präformiert zu sein. Der Jude, der, obwrohl zionistisch gesinnt, als deutscher Staatsbürger in Deutschland leben bleibt, hat die Pflicht, 10