Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Der Fremdsprachenunterricht im hebräischen Schulwesen Palästinas
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 138 (sequence 4)
- Language
- German
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Bemerkungen Bildung auf Grundlage der Kenntnis geschichtlicher Zusammenhänge bildet, hätte ein humanistisches Gymnasium zu treten, wie es in Palästina noch nicht besteht und wie es für lange Jahre völlig ausreichend in einer einzigen Schule verkörpert werden könnte, die nur für die Aufnahme eines kleinen Kreises bestimmt wäre, der Neigung zu geisteswissenschaftlicher Betätigung aufweist. Dieser Gymnasialtypus würde sich erst für die oberen Klassen von der allgemeinen Mittelschule ablösen. Der Schüler hätte sich dann bereits in den orientalischen wie in europäischen Sprachen eine gründliche Kenntnis angeeignet. Auf der Oberstufe wäre seine Zeit vor allem der gründlichen Erforschung der klassischen hebräischen und arabischen Literatur und den Anfängen semitischer Sprachwissenschaft gewidmet. Dazu träte dann die Erlernung der lateinischen und der griechischen Sprache, die bei Studenten im Alter von fünfzehn bis achtzehn Jahren viel schneller erfolgt, als wenn sie bereits im zehnten Lebensjahre einsetzt. Die Kenntnis dieser beiden Sprachen soll freilich nur soweit geführt werden, daß die Studenten die notwendige Grundlage zu einer weiteren Vertiefung während ihrer Universitätsjahre besitzen. So soll in Palästina eine der klassischen Bildung bestimmte Mittelschule geschaffen werden, deren Zweck die Ausbildung von Studenten wäre, die neben einer Kenntnis moderner europäischer Bildung vor allem die großen geschichtlichen Literaturen beherrschen, die die Fundamente der Kulturgemeinschaft bestimmt haben, die in den Ländern um das Mittelmeer entstanden ist und die nicht nur die jüdisch-christliche, sondern auch die islamische Bildung hervorgebracht hat. Kein Baum ist in den hebräischen Schulen Palästinas für die Pflege der verschiedenen jüdischen Sprachen der Diaspora gelassen, insbesondere des Jiddischen und des Spaniolischen. Dafür sollte die Hebräische Universität in Jerusalem es sich zur Aufgabe machen, sowohl für die Erforschung der jiddischen und spaniolischen Sprachen und Literaturen wie auch für die Aufbewahrung des nun langsam verschwindenden folkloristischen Überlieferungsgutes in diesen Sprachen zu sorgen. Diese Gebiete, insbesondere das des Spaniolischen, finden heute nirgendwo ausreichende Beachtung und gerade die Hebräische Universität in Jerusalem als der Mittelpunkt des gesamten geistigen Lebens des Judentums in allen Zeiten fände hier eine ihr allein vorbehaltene Aufgabe. Die Lösung der Sprachenfrage im hebräischen Schulwesen Palästinas, wie sie hier vorgeschlagen wird, stellt vielleicht eine etwas schwerere Belastung der Schule und des Schülers dar, als sie in manchen anderen Ländern üblich ist. Aber nur sie scheint mir der Stellung des Judentums in Palästina als einem Lande, das am Orient wie am Okzident teil hat, wie auch seiner Verbundenheit mit der Menschheit zu entsprechen, wie sie sich in den zweitausend Jahren der Diaspora unzerstörbar hergestellt hat. Hans Kolin. Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Siegmund Kaznelson, Berlin-Charlottenburg-— Jüdischer Verlag, Berlin NW 7, Dorotheenstraße 35