Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Die hebräische Sprache in Palästina
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 135 (sequence 3)
- Language
- German
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Bemerkungen läge ihres Daseins bereiten müßte, hat bis heute versagt. Der palästinensische Jüngling muß, ob er will oder nicht, die Vorstellung erhalten, daß jenseits der Pfähle seiner Sprache ein reiches Leben strömt, während er in einem Kreise eingesperrt ist, wo nur Brocken abfallen. Der in Palästina geborene und erzogene Jüngling muß (darüber wird alle nationalistische Phrase nicht hinweghelfen) nach Europa mit denselben sehnsüchtigen Blicken schauen, mit denen der junge Mann des vörmendelssohnschen Ghettos oder der russischen Jesehiwah nach der europäischen Kultur blickte. Nur daß diesmal der Sprung hinüber leichter ist. Hugo Bergmann Der Fremdsprachenunterricht im hebräischen Schulwesen Palästinas Die Unterrichtssprache in den jüdischen Schulen Palästinas ist hebräisch. Das ist eine Errungenschaft langjähriger Kämpfe und vieler schwerer Opfer an Energie und geistiger Kraft. Die Stellung der hebräischen Sprache als der tragenden Sprache des jüdischen Erziehungswerkes in Palästina ist bereits eine unerschütterliche Tatsache geworden. Daneben bleibt die Frage offen, welche anderen Sprachen und in welchem Ausmaße sie in den jüdischen Schulen gelehrt werden sollen. Dieses Problem ist in Palästina dringender als in anderen Ländern. Die Juden bilden in Palästina eine Minderheit, aber selbst innerhalb dieser zahlenmäßig sehr geringen Bevölkerung spricht nur ein Teil die hebräische Sprache in vollkommener Weise. Nach außenhin ist die hebräische Sprache kein Verständigungsmittel. So findet sich in Palästina, nur in unvergleichlich viel schärferer Weise, ein ähnlicher Zustand wie in allen mehrsprachigen Ländern und wie in jenen Kleinstaaten, deren Bewohner sich außerhalb der Landesgrenzen nicht in ihrer Muttersprache verständlich machen können. Schon diese Lage führt zu der Notwendigkeit einer besonders intensiven Erlernung anderer Sprachen neben der hebräischen. Hierzu kommt aber noch der Umstand, daß die hebräische Literatur in jeder Beziehung außerordentlich arm ist und daß sie vor allem auf den Gebieten der Wissenschaften den Lernenden völlig im Stich läßt. Nicht nur durch das Fehlen von Originalwerken, sondern auch durch den Mangel ausreichender Übersetzungen. Die Erlernung fremder Sprachen bedeutet daher für die hebräischen Schüler erst die Möglichkeit der Erschließung nicht nur reicherer Literaturen, sondern gründlicher Kenntnisse auf allen Gebieten. Gespräche mit Schülern verschiedener Lehranstalten überzeugen leicht davon, daß der Unterricht in fremden Sprachen bisher nur in völlig ungenügender Weise erfolgt. Diese Vernachlässigung erklärte sich anfangs aus der radikaleinseitigen Einstellung auf den hebräischen Unterricht, dessen Schwierigkeiten nur durch Konzentration aller geistigen Anspannung auf dieses eine Ziel überwunden werden konnten. Ziel der Erlernung fremder Sprachen muß vor allem die Einführung in ihre Literatur sein. Man begegnet in Palästina häufig Kindern im Alter von dreizehn oder vierzehn Jahren, die geläufig, wenn auch nicht fehlerlos, eine europäische Sprache sprechen, denen aber das Lesen in dieser Sprache solche Schwierigkeiten bereitet, daß ihnen ihre Literatur völlig verschlossen bleibt, obwohl sie, wie viele jüdische Kinder früh aufgeweckt, an der Armut der hebräischen Literatur kein Genüge finden können. Der Schüler muß dahin gelangen, in der fremden Sprache so leicht und schnell zu lesen, daß ihm 135