Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Die zweite Generation in Palästina und die arabische Umwelt
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 129 (sequence 2)
- Language
- German
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Bemerkungen In unsererGoluskindheit stand dieses Fremde nicht außerhalb unserer selbst, sondern es rückte uns so nah auf den Leib, daß es in die Poren unseres Körpers und Geistes eindrang und ein Teil unseres Ich wurde. Das Erfühlen, Erfassen, Bewerten dieses Fremden in uns und den andern beherrschte unser kindliches Erleben. Bei den meisten begann es mit dem Augenblick, als sie in die Schule eintraten und von einem Schulkameraden das Wort „Jude" als Schimpfwort oder einfach als trennendes Merkmal hörten. Da hob das Grübeln in uns an, worin denn der Unterschied zwischen den andern und uns bestünde. Da wurde der Keim zur künftigen Entscheidung gelegt: für die, welche in dem 6ie Umgebenden, stärker sich Auswirkenden das dem Jüdischen Überlegene fanden und das Jüdische als das Fremde und Feindliche in sich abzutöten strebten; und für die, welche sich zur jüdischen Seite ihres Ich bekannten und das Nicht] üdische als das Fremde ablehnten. Da begann die Zerrissenheit jener, welche, zwischen Sympathie und Abneigung hin- und herschwankend, niemals zu einer klaren Einsicht gelangten. Dieser Kampf um Klarheit, dieses Ringen um Ganzwerdung begleitete unsere Kindheit mit allen seinen verschiedenartigen Phasen: Gekränktheit und Schmerz; Ehrgeiz; trotzige Abschließung: Hoch- oder Überschätzung der eigenen Gaben; Verachtung; aufdämmerndes Bewußtsein des eigenen Wertes; Erkenntnis des eigenen Weges oder Verzweiflung über sein Verfehlen. Dieser Kampf war so aufreibend, daß er uns seelisch und sogar körperlich viel von unserer Kraft raubte. Und selbst in denen, die sich aus Instinkt oder Erkenntnis zur klaren Entscheidung durchrangen, blieb Problematisches: denen, die sich vom Jüdischen lossagten, kamen Stunden der Erkenntnis ihres ewigen, eingeborenen Andersseins. Die, welche sich zum Jüdischen bekannten, verzweifelten an ihrer Fähigkeit, den fremden Stoff, der sie von ihrem ersten Lebenstage ab durchdrungen hatte, ganz von sich abzutun. In diesem Kampfe wuchs das jüdische Kind in seinen verschiedenen Arten auf: das krankhaft grüblerische; das vom Ehrgeiz verzehrte; das selbstgefällig spöttische; das trotzig aggressive; das haltlos unausgeglichene — lauter Entartungserscheinungen, geboren aus der Abhängigkeit von einer anders gearteten Umwelt. Dieser Kampf bleibt unseren palästinensischen Kindern erspart. Ihre ländliche oder städtische Kolonie — mit Ausnahme einiger Wohnviertel in Jerusalem —ist rein jüdisch, und jeder Nichtjude in den Straßen ist ein Fremder. Die Wochen-, die Jahreseinteilung ist jüdisch, die Spraohe jüdisch, die Schule jüdisch. Freilich, die Welt ihres Buches, Bildes, Musikwerkes ist oft oder meistens nicht jüdisch, aber auch sie hindurchgegangen durch die eigeneSprache, die eigene Form. Dagegen ist jenes gewaltige Buch, das ihr Leben begleitet, auf dem sich ihr Moral- und Gottesbegriff bildet, jüdisch; jüdisch sind viele der Stätten, von denen dieses Buch berichtet. Und so, in eigener Umgebung erwachsend, erwächst das palästinensische Kind in Freiheit, in Unabhängigkeit von der Umwelt. Das Ergebnis dieser Freiheit tritt mit unmittelbarer Kraft zutage: das palästinensische Kind ist unproblematischer, einfacher und fröhlicher als das Goluskind. Allerdings, wenn es schon ein wirkliches Zusammenleben und Verschmelzen der jüdischen Kreise gäbe, so würde bald eine innere Judentums-Problematik in das Leben der Kinder hineinreichen: der Gegensatz zwischen Orthodoxie und Revolution. Aber noch verläuft das Leben des streng orthodoxen Kindes ganz abseits von dem des jung jüdischen: $ Der Jude, IX, Sonderheft II. 129