Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Erziehung zur Tradition
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 112 (sequence 8)
- Language
- German
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Emst Simon bleiben. Sie soll den Rang der ersten Fremdsprache, aber — wohlgemerkt: in der Bildungsgeschichte des Kindes — nicht den einer ,,zweiten Muttersprache" erhalten. Die rein pädagogischen Erfahrungen, die mit zweisprachig erzogenen Kindern gemacht wurden, geben hier ein abschreckendes Beispiel: Menschen, die in vielen Sprachen reden können, aber in keiner wirklich kulturtief wurzeln, werden dann, als levantinisch Entwurzelte, auch das Hebräische niemals mit natürlicher Könnerschaft handhaben. (Übrigens ein ernsthafter Einwand auch gegen zu früh einsetzende hebräische Kindergärten!) Bis das Kind in der Sprache seiner Umwelt, die es ja doch lernen muß — wohl dem, dessen Umwelt eben hebräisch spricht —■ wirklich sicher ist, sollte es das Hebräische durchaus nur als fremdsprachlichen Unterricht und vor allem mit dem Ziel des Verständnisses für Gebete und leichte Bibelabschnitte x) betreiben, natürlich auf sauberer grammatischer Grundlage. Immerhin: auch eine Fremdsprache muß man lernen, und sogar spezifischer 1 e r n e n als eine zweite Muttersprache". Damit entsteht die Gefahr, daß dem Kinde dasjenige zum, vielleicht widerwillig aufgenommenen, Stoff, zum „Pensum" wird, was ihm doch freudiger Ausdruck seiner höchsten Beziehungsmöglichkeit sein soll. In der Tat ist noch bei dem besten, lebendigsten Lehrer die Brachah, die er den Kindern „beizubringen" hat, eine andere als die, die ein —« junger oder alter — Jude sagt. Im ersten Falle ist Gott eben nicht angesprochen, sondern die ihm bezeichnende Vokabel ausgesagt —■ und an dieser Verwechselung ist das religiöse Leben zahlloser westlicher Juden tödlich erkrankt. Ein Heilmittel liegt hier zunächst in der scharfen Bewußtmachung dieser Gefahr und dann darin, daß gerade Segenssprüche und erste Gebetworte mehr durch das Vorbild des Vaters oder Lehrers als durch deren bewußte Erziehertätigkeit vermittelt werden. Bei den biblischen Stücken ist diese Gefahr etwas geringer, obwohl der Talmud sie sicherlich im Auge hatte, wenn er meinte: „Wer die Bibel ohne Melodie liest und die Mischna lernt ohne Gesang, dem gilt das Wort (aus Ezechiel): Ich gab ihnen Bestimmungen, die nicht gut sind, und Gesetze, mit denen man nicht leben kann." Der Niggun, die Melodie der Tonzeichen, ist ja nicht nur die akustische Interpunktion der mündlichen Lehre, die sie in Frage- und Antwortsätze aufteilt und so erst verständlich macht, sondern zugleich und vor allem der Ausdruck jenes fröhlichen, durchaus 1) Die zunächst durch, deren Inhalt umschreibende sprachlich einwandfreie Stücke ersetzt werden können. 112