Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Das jüdische Mittelschulwesen in Polen
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 84 (sequence 6)
- Language
- German
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Arjeh Tartakower das zehn Stunden wöchentlich für die jüdischen Fächer in einer jeden Klasse mit hebräischer Unterrichtssprache vorsieht. Diese Zahl bedeutet aber zugleich ein Maximum, über das nicht hinausgegangen werden darf. Andererseits ist die Organisierung von nationalen Feierlichkeiten, insbesondere aber die Berücksichtigung des Judentums bei dem Unterricht der allgemeinen Fächer in gewissem Sinne eine zweischneidige Waffe, die, wenn allzuoft und insbesondere wenn künstlich angewendet, geradezu entgegengesetzte Wirkungen hervorrufen kann, als beabsichtigt ist, da sie im Schüler schließlich das Gefühl hervorrufen muß, daß das Judentum ihm aufgezwungen wird. Auf diese Weise geht leicht das insbesondere bei der Jugend so wichtige natürliche Verhältnis zum Volk und seiner Kultur verloren. Derartige Erziehungsmethoden verlangen eine äußerst vorsichtige Handhabung, zu der nur Leute fähig sind, die neben pädagogischen Fähigkeiten selbst eine nahe und verinnerlichte Beziehung zum Judentum haben. Wo das Eine oder das Andere fehlt, ist das Ergebnis von vornherein zweifelhaft und die Mühe meist umsonst aufgewendet. So wie die Dinge heute liegen, ist tatsächlich die Förderung des positiven jüdischen Wissens, in erster Reihe der Kenntnis der hebräischen Sprache und der jüdischen Geschichte, das bestgeeignete Mittel, die Jugend an ihr Volk zu knüpfen und sie zu künftigen Kämpfern für dessen Sache zu machen. Doch gibt es auch in dieser Beziehung Schwierigkeiten genug. Das Programm des jüdischen Unterrichts, das dem Niveau und dem Lehrplan der Mittelschule entsprechen würde, mußte erst geschaffen werden. Es galt innerhalb der begrenzten Stundenzahl das Material so aufzuteilen, daß die Schüler während der acht, oder, wenn man die in manchen Gymnasien bestehenden Vorbereitungsklassen in Betracht zieht, neun bis zwölf Jahre die hebräische Sprache in Wort und Schrift beherrschen, ihr dreitausendjähriges Schrifttum, insbesondere das Schrifttum des Altertums und der Neuzeit, kennen lernen und außerdem die Kenntnis der dreitausendjährigen Geschichte des eigenen Volkes sich aneignen können. Eine schwierige Aufgabe, die noch durch den Mangel an entsprechenden Lehrkräften — das Gros der Lehrer der jüdischen Fächer an den Mittelschulen besteht bis zum heutigen Tage aus Leuten, die weder eine akademische noch eine Mittelschulbildung genossen und keinerlei pädagogische Vorbildung haben — und an Lehrbüchern für die jüdischen Fächer sehr kompliziert wurde. So war denn die darauf abzielende Arbeit in den jüdischen Mittelschulen lange Zeit hindurch ein Tasten im 84