Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 2 (1926) Sonderheft Erziehung
- Article
- Das Kinderdorf im Emek Jesreel
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 37 (sequence 2)
- Language
- German
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Das Kinderdorf im Emek Jesreel Selbständigkeit des arbeitenden Kindes während der Arbeit, aber die arbeitende Gemeinschaft stellte sich keinerlei außergewöhnliche erzieherische Ziele und dachte nicht an die Schaffung von Kindergemeinschaften. Meine erste Tat war, die Herzen für die Aufnahme einer neuen Lehre vorzubereiten. Einer solchen Vorbereitung bedarf eine kindliche Gemeinschaft, denn Kinder lernen aus der Erfahrung und sind keineswegs zu bloßem Glauben leicht geneigt. Die grausamen Kriegs- und Nachkriegs jähre, Wanderungen und Vertreibungen, Wohltaten, Erzieher und Leiter der verschiedensten Art —1 all das drückte der weichen kindlichen Seele ihren Stempel auf und lehrte sie, allen Veränderungen mit großem Mißtrauen gegenüber zu treten. Deshalb war ich in den ersten Unterhaltungen mit den Kindern der Anregende und Vorschlagende, während sie selbst nur wenig sprachen, schwiegen oder nur ja oder nein sagten. Vor mir stand die praktische Frage: Ist es nötig, diese ganze Lebensordnung zu ändern und von der Erziehungsform einer unbegrenzten Herrschaftsgewalt der Erwachsenen zu einer demokratischen Form überzugehen? Diese Frage beantwortete ich positiv, da ich mir eine andere Lebensform im Internat nicht vorstellen kann. Aber wie und in welcher Art und Weise sollte dieser Übergang vollzogen werden? Einerseits war es wünschenswert, daß die Verfassung des Lebens die eigene Schöpfung der Kinder sein sollte, daß die Entwicklung eine aus sich heraus geborene und aktive sei. Andererseits gab es keine Möglichkeit einer provisorischen Änderung, da eine feste Form des Lebens schon in der großen Wirtschaft bestand, die viel Arbeit und Verantwortung verlangte. Deshalb mußte ich mich entweder mit der bestehenden Lebensform abfinden und darin ohne jede Einflußmöglichkeit völlig untertauchen, oder ich mußte sofort an eine Änderung der ganzen Grundlagen gehen. Da ich niemals den antidemokratischen Formen in der Erziehung zustimmen konnte, wollte ich nicht warten, bis alle eine demokratische Verfassung verlangen würden. Eine nur vorübergehende Anpassung an die bestehenden Lebensformen aber hätte mir jede Möglichkeit geraubt, die Kinder für den Gedanken einer autonomen Erziehung zu begeistern. Deshalb wurde ich gezwungen, der Schöpfer der neuen Verfassung und der Organisator der Gemeinschaft zu werden. Damit diese Ordnung in ihren Grundzügen verständlich sei, widmete ich einen vollen Monat der Klärung und Demonstration. Während dieser Zeit fanden verschiedene Unterhaltungen in allgemeinen Versammlungen, in Gruppen und mit Einzelnen statt. Ich beobachtete das Leben und die Arbeit der Kinder und sah eine uner- 37