Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- La Nuit Kurde
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 136 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Lebewohl. Ich verlasse die Hohen Stätten. Ich steige wieder hinab in die ausgefahrenen Wege. Ich kehre in den Lärm und das Elend unserer Sklaverei zurück." So steht Jean Richard Bloch wieder in Europa, wieder im Westen. Er will teilnehmen an allen Kämpfen und Entscheidungen, die seine Zeit und seinen Kontinent angehen. Aber dieser Konflikt zwischen Asien und Europa, zwischen der Stimme seiner Hasse und dei Forderung, mitzukämpfen auf dem Schlachtfelde der Menschheit, dort, wo uns der Zufall der Schlacht hingestellt hat, ist nicht nur der Konflikt Jean Bichard Blochs. Es ist der Konflikt dieser jüdischen Generation in Europa, in der das Bewußtsein ihrer Rasse wieder erwacht ist und die mitbauen möchte an der Zukunft ihres Volkes, die aber die Pflicht fühlt, in dem Lande, in dem sie lebt und dessen Sprache sie spricht, und über seine Grenzen hinaus an dem Kampfe teilzunehmen, von dem sie weiß, daß er angehoben hat und daß er über die Zukunft der Menschheit entscheidet. In diesem Kampfe um die Erneuerung der Menschheit aus dem Geiste der Gerechtigkeit glauben sie auch dem Judentume und seiner Zukunft zu dienen. So führt uns das Werk Jean Bichard Blochs mitten in die Problematik unser Lage. Eine Lösung kann nur die Besinnung auf unser Wesen geben. Diejenigen, die unter die Völker zerstreut wirken, werden sich dessen bewußt sein, daß es die in ihnen lebendige jüdische Vergangenheit ist, die sie treibt, diese Vergangenheit, die nicht nur Frühling und Traum ist, nicht nur Widerhall des Hohen Liedes, sondern Nachklang der Stimme der Propheten, Erbe bewußter Arbeit vieler Generationen, die dem Geiste und dem Buche gelebt haben, als rings um sie der Kult des Schwertes und der Schönheit galt. Für diejenigen aber, die in der Sammlung eines Teiles ihres Volkes das Volk des Buches, den Diener der Idee, seiner Vergangenheit getreu bewahren wollen, wird diese Sammlung keine Absonderung von den Pflichten des Schicksals der Menschheit sein. Hans Kohn Leisten, nicht grübeln! Wenn der deutsche Jude jung ist und zur Problematik seiner Lage in Europa-Deutschland erwacht, so packt ihn in Scham und Überschwang gewiß der Glaube an seine Mission: diesen Schaden zu heilen, diese Schranken wegzuräumen, seine Bahn erst einmal freizumachen von Haß, Mißtrauen, Verkennung, damit er, wenn er zum Wettkampf um die Lebensleistung antritt. fair play habe. Wir alle sind einmal sehr jung gewesen. Inzwischen sind wir erheblich älter geworden, oder wir sollten es geworden sein, über die gezählten Jahre hinaus durch Krieg und Nachkriegszeit. Es besteht nicht mehr die Welt, in der die zärtlichen Gefühle wuchsen und die so friedlich war, daß der Riß in uns als Katastrophe wirkte und Aufsehen verdiente. Die neue Welt stellt neue Forderungen an uns. Lebte man ewig, so könnte man sich wohl den Luxus gestatten, bevor man an seine mitgeborene Aufgabe geht, erst die Menschheit vollkommen zu machen und z. B. das deutsch-jüdische Problem zu lösen, d. h. vor allem den Antisemitismus zu beseitigen. Da einem aber nichts so knapp zugemessen ist wie Zeit, so wird man sich entschließen müssen, die Welt laufen zu lassen wie sie läuft, und ihr zum Tro*i, inmitten ihrer Widerstände, also auch inmitten ihrer Judenfeindschaft., von seinem Wci36