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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 134

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
La Nuit Kurde
Date
1925-01-01
Page
134 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen schichte war seine Geschichte, Frankreichs Kämpfe seine Kämpfe. Die Landschaften und der Himmel Frankreichs waren ihm vertraut und lieb. Und als seit den ersten Tagen seines Bewußtseins in ihm auch die Liebe zum Orient und die Sehnsucht nach anderen Traditionen sich regten, hat er gegen sie angekämpft. Je tiefer er in Frankreichs Klassiker sich versenkte, desto inniger fühlte er, daß das einzige Land, „wo er aufhören würde, sich als Fremder zu fühlen", jenseits des Mittelmeeres liege. Die ewige Unruhe des Juden, der Wandertrieb, der nicht nur ein räumlicher, sondern vor allem ein seelischer ist, die Sehnsucht nach Aufstieg in immer neue Kegionen, der instinet de depart erfüllen das Buch. Nur der Orientale hat diese Kraft, sich völlig aus der gewohnten Umgebung zu lösen, aus allen seinen bisherigen Beziehungen, und auf den großen Straßen einherzuziehen, einsam und losgelöst und zu der letzten tiefsten Prüfung seiner selbst bereit-. Und daher ist es jüdisches Schicksal, immer wieder die Bande zu prüfen, die uns mit der uns umgebenden Gesellschaft und Kultur verknüpfen. „Des ce moment il est voue au depart Hemel." Und diese Bereitschaft zu der Reise in unbestimmte Fernen, die im Grunde eine Reise in unsere eigenen Abgründe ist, ist Sühne und Reinigung zugleich. Ein Mensch sucht, jenseits von Zeit und Raum, seine Geschwister und findet sich selbst. Die Handlung des Romans spielt in Kurdistan und Anatolien. Zwei Rassen stellen einander gegenüber: ein kampfesfroher raubgieriger kurdischer Stamm und ein Dorf friedlicher christlichgriechischer Bauern. Die Geschehnisse und die Sprache, in denen sie berichtet werden, sind voll Leidenschaft und Schwüle; Wollust und Mord, Liebe und Blut sind in den vielfarbigen Tcppich dieses Lebens verwoben und doch nur dazu bestimmt, das Sichfinden zweier Menschen zu begleiten. Saad lebt unter den Kurden ähnlich wie Evanthia unter den Griechen. Über Feindschaft der Rasse und des Glaubens, über jüngst vergossenes Blut hinweg entbrennen sie in Liebe für einander. Sie sind in der Gemeinschaft, der sie angehörten, aufgewachsen, in ihren Gebräuchen und Vorstellungen, und haben doch in sich immer einen leisen Zweifel gespürt, als entstammten sie einer anderen Rasse, als wäre ihrem Blute noch etwas beigemischt, was sie von allen ihren Mitbürgern und Stammesgenossen unterschiede. Diese Ahnung wird für Saad durch die Worte eines greisen Derwisch zur Gewißheit. Von da an wird er zu einem verwandelten Menschen. Eine Umkehr ist in ihm erfolgt, er geht auf die Wanderschaft, auf die Suche nach Evanthia und sich selbst. „Es ist nicht gut, in der Nähe eines Menschen zu sein, der diese Krise durchlebt. Dieser Bruch des Gleichgewichtes, diese Umkehr des Sinnes des Lebens zerstören die seelische Ordnung. Die meisten Menschen werden nur in dieser Minute ihrer selbst bewußt. Aber im Augenblicke, wo sie gewahr werden, was da in ihnen vorgeht, erschrecken sie und klammern sich nur um so fester an das, was sie umgibt.'* In Saad aber lebt seit diesem Augenblicke eine feste Zuversicht und Siegesgewißheit. Wie ein Trunkener eilt er seinem Schicksal und seinem Tode entgegen. „Ich weiß jelzt, wer ich bin. Die Art der Menschen, der ich entstamme, muß wieder auferstehen. Deswegen muß der Gleiche sich der Gleichen gesellen." Er löst sich seit dieser Stunde aus dem Kreise seiner Gefährten. Er war ein Einsamer, der Haß seiner Gefährten lichtete sich gegen ihn. „Unerträglich' war ihnen, daß ein menschliches Wesen i34

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