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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 103

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
Der moderne Jude und der Staat
Date
1925-01-01
Page
103 (sequence 2)
Language
German
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Der moderne Jude und der Staat Mann gewesen sei, dessen ganzes Fühlen, Denken und Schaffen nur Deutschlands Einheit und Größe gegolten habe. Seltsam: da liegt der Schöpfer der neuen deutschen Pveichsverfassung auf der Totenbahre,, um ihn herum als Trauergäste stehen das gesamte Preußische Kabinett, Dutzende von Abgeordnelen und fast alle Reichsminister aus der Zeit, in der Hugo Preuß selbst das Portefeuille des Reichsministers des Innern innehatte. Ein aktiver Rekhsminister hält die offizielle Trauerrede — und doch, der Abgeordnete Falk hält es für nötig, in seiner Rede ostentativ zu betonen, daß Preuß ein kerndeutscher Mann gewesen sei! Dachte denn jemand ein Anderes? Und war denn anderes für Preuß möglich? Von Jugend auf, vom aktiven Verbindungsstudenten an, von den politischen Kreisen um den knorrigen, prächtigen alten Theodor Barth an hatte dieser Mann immer nur deutschen, großdeutschen demokratischen Idealen angehangen, als Stadtverordneter — die eine der wenigen politischen Retätigungsmöglichkeiten, die dem ungetauften Juden offen standen — hatte er ebenso wie als Hochschullehrer dauernd praktische Arbeit am deutschen Volksganzen geleistet, mit vielen bahnbrechenden literarischen Veröffentlichungen deutsches politisches Denken befruchtet. Dann hatte er, endlich auf einen sichtbaren, seinen Kenntnissen und seiner Begabung gemäßen Platz gestellt, in kurzer Frist und mit kühnem gedankenreichen Wurf dem deutschen Volke den Entwurf einer Verfassung vorgelegt, die durchaus und von Grund auf historisch deutschem Fühlen und deutscher gedanklicher Eigenart entsprach. Was mehr konnte ein Sterblicher in einem Menschenleben einem Volke geben? Und doch: in deutlich apologetischer Rede muß, nachdem ihn im Leben oft genug der Schmutz niedriger Angriffe umspritzt hat, feierlich beteuert und versichert werden, daß er ein kerndeutscher Mann gewesen und für Deutschland nur das Beste gewollt habe. Wäre der, der da still im Sarge lag, der Sohn irgendeines adligen pommerschen Gutsbesitzers oder eines braven christlichen Kleinbürgers gewesen, wer hätte überhaupt die Idee gehabt, das Deutschtum dieses Toten noch förmlich zu beeiden? Aber hier, hier lag ja freilich ein Jude, ein ungetaufter noch dazu, der schon als „einjähriger*' Soldat vor dem Offizierskursus und später als Privatdozent es überlegen lächelnd abgelehnt hatte, sich durch die Gesinnungslumperei einer Taufe ohne Überzeugung eine bessere Karriere zu sichern. Und vor allem charakteristisch für den ganzen Vorfall am Sarge war nicht so sehr allein diese Beteuerung des Deutschtums Hugo Preuß', als vielmehr die Tatsache, daß sie von den Lippen eines Mannes kam, der selbst Jude ist. Wie kaum ein zweites Vorkommnis zeigt die Gedächtnisrede Falks die Situation der Juden im modernen Deutschland auf. Sie io3

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