Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Nachwort zur Bernstein-Shaw-Kontroverse
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 97 (sequence 2)
- Language
- German
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Offener Brief an Henry Bernstein Daher hat in England der Verfolgungskomplex, welcher die Juden auf dem Kontinent so empfindlich macht, keine raison d'etre. Unter den Männern unseres öffentlichen Lebens ist die getreuesfce Nachahmung eines Antisemiten Mr. Hilaire Belloc, mit dem verglichen ich in die Klasse der Projuden eingereiht werden müßte, wenn eine solche Einteilung in England existierte; aber verglichen mit M. Urbain Gohier ist Mr. Belloc ein moderner Makkabäer. Henry Bernstein glaubt, daß ich Antisemit sei, und daß ich, wenn ich sagte, die Franzosen seien neben den Juden Barbaren von gestern, mich jener plumpen Form der Ironie bediente, die darin besteht, daß man schwarz weiß nennt; aber jedermann in England könnte ihm sagen, daß ich das vollkommen ernst meinte, und daß ich ,,zu den Juden halte" ebenso wie Mr. Belloc es „auf die Juden scharf hat". Ich habe wahrscheinlich mehr persönliche Freunschaften mit Juden als M. Bernstein einzugehen für gut hielte. Meine berühmtesten Übersetzer sind Juden. Ich werde dauernd von jüdischen Vereinen gebeten, bei ihnen zu sprechen, und von jüdischen Zeitungen, für sie zu schreiben, denn es ist bekannt, daß ich ihnen sympathisch gegenüberstehe. Trotzdem muß ich einen Projudaismus ebenso energisch ablehnen, wie ich den Antisemitismus verwerfe. Als Ire kenne ich das krankhaft heftige Nationalbewußtsein, das durch Unterdrückung und Verfolgung hervorgerufen wird, zu gut, als daß ich die Juden ermutigen könnte, sich ihren Träumen hinzugeben. Ich habe meinen eigenen Landsleuten in den Tagen ihrer Unfreiheit oft genug sagen müssen, daß sie kein auserwähltes Volk seien, daß ihre Leiden sie nicht besser gemacht haben als andere, und daß sie sie schlechter gemacht hätten, wenn die anderen nicht ebenso elend gewesen wären, wie sie selbst; und ich werde den Juden dasselbe sagen, so oft sich Gelegenheit dazu ergibt. Ich halte die Lehren der Bibel mit ihrer Darstellung von der Unterjochung, Enteignung, ja sogar Ausrottung der Völker als einer Politik Gottes für äußerst verderblich und zum großen Teil verantwortlich für den schamlos räuberischen Imperialismus der Völker und die Ausbeutung, die unsere Zivilisation zu gefährden droht. Ich glaube, daß sich ein Jude lächerlich macht, der sich auf die Seite dieses Imperialismus schlägt, die nationale Flagge des Landes schwingt, in dem er ansässig ist, und dar wie Henry Bernstein darauf Gewicht legt, französischer zu sein als jeder Franzose, oder wie manche englischen Juden englischer als jeder Engländer. Aber diese Ansichten sind nicht antisemitisch: sie werden von allen verständigen Juden geteilt. Und gerade deshalb, weil ich sie vertrete, bin ich (so hoffe ich) bei den Juden mindestens ebenso populär wie bei den Nichtjuden. London, den Ii. Dezember 1925. Der Jude, Sonderheft, 7 97