Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Offener Brief an Henry Bernstein
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 95 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101214-3101216-3110014--7716-3110153- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Offener Brief an Henry Bernstein blödsinnige Lügen erzählt — (aber Sie sind höflich genug, sie als Paradoxe zu bezeichnen) — und eine Reihe empörender Extravaganzen ausführt, deren Höhepunkt darin besteht, daß er einen "Vertreter der Presse zum Begräbnis seiner Mutter bringt, um ihn lachen zu sehen und diese Neuigkeit zu verbreiten. Dieser letzte Zug ist ein Hieb Ihrer berühmten Virtuosität im brutalen Genre. All das ist sehr gut als literarische Ausbeute alter Schule zur Unterhaltung der literarischen Cafes. Aber was sagt Duval dazu? Da er kein literarischer Kenner ist, versteht er nichts von der alten literarischen Schule. Er weiß nur, daß die Leute nicht dadurch berühmt werden, daß sie blödsinnige Lügen erzählen; wäre dies möglich, so wäre das Pantheon zu klein, um alle Berühmtheiten zu fassen. Er weiß, daß man nicht durch widerliche Mätzchen, die jeden anständigen menschlichen Instinkt abstoßen, populär wird. Er schüttelt also den Kopf und sagt: ,,Das ist nicht von Shaw, denn das ist keine menschliche Art. Ein solches Ungeheuer existiert nicht. Dieser Bernstein muß ein schöner Einfaltspinsel sein/' Und wirklich, mein lieber Bernstein, Sie wären der König der Einfaltspinsel, wenn Sie wirklich all den Quatsch glaubten, mit dem Sie mein Konto belastet haben. Sie haben Ihre Kunst vom Leben getrennt. Und es will mir und Duval scheinen, daß selbst diese Trennung alt und unzeitgemäß ist. Diese Art Sachen sind vorbei, verjährt, wertlos geworden. Die Illusion ist abgebraucht, der Zauber verwelkt in einem Grade, daß selbst Ihre Geschicklichkeit im Schminken sie nicht wiederbeleben kann; sie sind heute nichts weiter als eine schlechte Gewohnheit. Mein einziges Geheimnis ist, daß ich das weiß und auch weiß, daß Duval es weiß. Und ich versuche, ihm etwas zu geben, woran er glauben kann, auch wenn es ihn anfangs durch seine Fremdheit irritiert, was bald vorübergehen wird. Folgen Sie meinem Beispiel, lieber Kollege, und Sie werden denselben Erfolg haben wie ich, sollte auch der Boulevard Sie steinigen. Ich gebe offen zu, daß Ihre Erklärung des Erfolgs der „Heiligen Johanna" in Paris mich verblüfft hat. Sie sagen mir, daß Frau Pitoeff durch den Zauber ihrer Augen das Publikum glauben machte, das Stück sei eigentlich von Ihnen. Um so besser für meinen Ruf und für meine Tantiemen, lieber Bernstein! Und diese Treulose hat mich mit feierlichen Versicherungen ihrer Verehrung für mich überschüttet. Das ist zu viel. Oh Ludmilla, Ludmilla! Mich so zu täuschen!!! Frailtv, thy name is woman.*) *) „Schwachheit, dein üN'ainc ist Weih!"' 9-r>