Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Jude und Franzose
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 89 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jude und Franzose Frankreich an diesem Werk beteiligt sei, daß. französischer Geist und französischer Einfluß seine Richtung mitbestimmen. Ein einziges Beispiel beweist, daß zwischen den nationalen französischen und den zionistischen Interessen kein Widerspruch besteht. Weizmann kennt es besser als ich, denn es ist sein Werk. Weiss man, warum und wodurch vor zwei Jahren das französische Mandat über Syrien vom Völkerbundrat angenommen und ratifiziert wurde? Es geschah infolge der zionistischen Bemühungen. Es ist Zion, dem Frankreich das Mandat über Syrien verdankt. Ob dieses Mandat gut oder schlecht ist, will ich hierbei nicht erörtern. Das ist heute nicht unsere Sache. Aber man wünschte es hier, es war ein wichtiger Bestandteil der französischen Politik, es war ein Ziel Frankreichs, und durch die zionistischen Bemühungen konnte dieses Ziel erreicht werden. Liegt es im französischen Interesse, daß in der Jerusalemer Universität, in der jüdischen Kultur, im Zionsstaat der französische Gedanke, die französische Wissenschaft, die französische Kunst nicht vertreten sei? Ich glaube das nicht. Ich glaube, es liegt im Interesse Frankreichs, dessen Juden in dieser Hinsicht seine Vertreter sind, daß es bei allen diesen Werken den Platz einnehme, der ihm gebührt und der, wie man weiß, niemals der letzte ist. Man kann bei all dem nicht sagen, daß zwischen den Landes- und den jüdischen Interessen ein Gegensatz bestehe. Sie fallen zusammen, sie vertragen sich vollkommen, so vollkommen, daß in unserem eigenen Bewußtsein die Liebe zum Vaterland und die Treue gegen den jüdischen Gedanken nebeneinander bestehen können. Und noch etwas möchte ich hinzufügen: Dieses Gefühl, das so viele französische Juden daran hindert, sich dem Zionismus anzuschließen — zu dem sie, dessen bin ich sicher, ein natürliches Gefühl führen würde, wenn sie sich treiben liessen, denn es ist für einen Juden das Natürliche, an einem jüdischen Werke mitzutun — dieses feige und egoistische Gefühl, diese Angst, dem französischen Antisemitismus ein Argument zu liefern — das ist kein richtiges Gefühl, und das Argument ist nicht zutreffend. Nicht auf diese W7eise kann man dem Antisemitismus begegnen. Durch die Verhältnisse war ich gezwungen, den Antisemitismus in Frankreich ein wenig kennen zu lernen. Ich bin nicht mehr ganz jung, ich habe wahrhaft fürchterliche antisemitische Krisen gesehen, in dem Ausmaße natürlich, wie sie dieses Land kennt. Ich habe während der Dreyfus-Affäre hier gelebt und während der Zeit der „Patrie Franchise", zu den Zeiten des wüstesten Nationalismus. Der Antisemitismus in Frankreich ist meiner Überzeugung nach nicht wie 89