Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Deutsche und Juden
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 56 (sequence 5)
- Language
- German
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Wilhelm Michel das eigentlich Widerdeutsehe. Erst wo der Tod freundlich neben uns wohnt, da ist deutsches Land. Jüdische Friedhöfe sind herrlich in ihrem Gewährenlassen der Natur gegenüber. Aber noch1 die elende weißlackierte Gartenbank, die grelle, gläserne Ordnung, die ein deutsches Grab verunziert, zeugen von dem Willen, den Tod ins Leben einzubeziehen, den Todesgarten für den lebenden Menschen bewohnbar zu machen. Der Tod als der entschiedenste Ausweg über das Ich hinweg gehört so innig zur Landschaft der deutschen Seele wie die Unendlichkeit des Himmelsi und der Natur zum Haus und Garten, die wir bewohnen. Und zwar steht hier „Tod" als stellvertretender Begriff für alles, was jenseits der Dämonie des Lebenwollens liegt: für allen wahren Aufschwung des Denkens und Handelns, für alle Hingabe, für alle Frömmigkeit und Selbstentäußerung, für alle arglose Liebe, für alle „evulsive Gebärde", die ein menschliches Leben irgend entfalten kann, im Gegensatz zur Gebärde „invulsiven" Sinnes, die mit raffender Bewegung alles zum Ich heranholt, i) Vielleicht empfiehlt es sich überhaupt, das mißverständliche Wort Tod etwas in den Hintergrund zu schieben und das jüdische axdvSaXov zu bestimmen als die Gegenwehr gegen die wandelnden, umbildenden Kräfte, als das nicht Eingehenwollen in das Geschick der Sterblichen, als jene Verhärtung gegen das große Strömen, die zu leugnen scheint, daß Gott überall ist, und im Werden vielleicht inniger als im Sein. Für den Geist, den ich hier vertrete, verliert gerade das, was selbst Feinde gelegentlich am Juden zu preisen wissen, seinen Anspruch auf Verehrung: diese starre Verkrustung, die das jüdische Volk bis heute als eine volkähnliche Gemeinschaft erhalten hat, und die den Einzelnen feit gegen den Weitergang ins Christliche und gegen die „Assimilation". Ich kann es von meinem Standpunkt aus nicht preisen, daß das Judentum die frömmste Äußerung, das Sich-Hingeben an die tausend Lockungen Gottes, mit Vorurteilen von geradezu schauerlicher Wildheit belastet. Auf den verehrungswürdigsten geschöpfliehen Gehorsam, auf das Mitschwingenin den Takten des größten Geschehens hat es den Mäkel des Wortes „Assimilation" gelegt. In diesem blechernen, erbärmlichen Wort liegt schon der Angriff auf das Grundlegende des deutschen Lebensgefühls: das lebendigste Verhalten wird zu r) Natürlich bleibt das Evulsive dem Judentum keineswegs durchaus fremd. Das Auflodern der große Propheten und der Psalmensänger ist wunderbar, und in der jüdischen Mystik begibt sich vieles, was den jüdischen Lebensraum sehr bedeutend erweitert. Aber ich muß der Ehrfurcht vor all diesem Großen doch die Einschränkung abringen, daß in ihm zwar ein gewaltiges Ausgreifen, nicht aber der entscheidende Durchbruch in den absoluten Raum erfolgt. 56