Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Deutsche und Juden
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 55 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutsche und Juden Um den bitteren Ernst dieser Abwehr zu verstehen, erwäge man: Was ist alle deutsche Frömmigkeit ohne die wundervolle Grundmelodie, die der Tod hineinmischt? Was bleibt vom deutschen Wesen, wenn man von ihm die geheime Todeslust abzieht, den Enthusiasmus, der auch den eigenen Tod bejaht, der im Tod erst die entscheidende Lebenserfüllung findet? Wer kann sich die Uferlosigkeit deutscher Geisteshorizonte ernstlich und durchgängig verbaut denken durch ein Haltmachen vor dem Tod? Alle jüdischen Segenswünsche klingen aus: Du wirst leben! Alle Flüche dieses Volkes klingen aus: Du wirst vergehen! Es ist ein wunderbarer Lebensverstand in allen Aeußerungen dieses Volkes, aber wo immer hervortritt, daß er sich mit diesem fanatischen Anklammern ans Dasein verbindet, da wird er dem Deutschen ein klaustrophobisches Schrecken, ein &aü|ia tösadai dem er nur mit einem schmalen Teil seines Ichs gewachsen ist. Hölderlins Liebe zu Achill schmiegt sich am innigsten an diesen Helden an, wo er mit einer tiefen Beglückung des Herzens von ihm; sagen kann, er sei „nur für kurze Zeit geboren". Seine tiefste Liebe galt den Griechen, die eigentlich nur den kurzen, mit Majestät vorüberfliehenden Augenblick darstellen, wo es aus dem Asiatischen „zum Hesperischen gehet". Die deutsche Liebe zum Transitorischen ist eine grundlegende und unverdrängbare Neigung; und sie steht in genauer Beziehung zu jener „Liebhaberei für das Absolute", die unser gesamtes Denken und Frommsein bewegt. Die Lebensallfülle wird gesucht und deshalb vor allem das Werden, das Vergehen mit Inbrunst bejaht. Ungeheure Lebenslust führt zur Todesminne, und immer heißt „Tod" nichts anderes als Aussicht ins Unendliche. Im Judentum hat der Tod keine Süße, weil er nicht zum Leben hinzugerechnet wird. Der Tod ist die Verbannung, kein Zuhause. Staub liegt über der jüdischen Unterwelt wie über der babylonischen. Und wenn menschlicher Wert irgendwie in Verbindung steht mit der Fähigkeit zur Selbstaufgabe, wenn Goethes) „Stirb und werde" irgendwie hindeutet auf größeren, endgültigeren Lebensraum des atmenden Geschöpfs, dann müssen den Deutschen die bannenden, versteinernden Kräfte anfremden, die er in der jüdischen Selbstverwünschung ins Dasein wirksam sieht* Alles Gerede vom „Blut", von der „Rasse" nehme ich sehr leicht. Ich weiß nur, daß Härte und Kalte mich anweht, wo ich den Horizont durch einen unfrommen wo ich bei einem Juden den Tod in Achtung und Ehrfurcht sehe Widerstand verstellt sehe. Und ich weiß weiter, daß im Augenblick, — ich denke etwa an< Gustav Landauer — dieser Mensch für mich entjudet ist. Es ist, als würden Fenster in ein vordem blindes Haus geschlagen. Die verbaute Aussicht über den Tod hinweg — das ist 55