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Der Jude · 1925-01-01 · 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum · p. 37

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Journal
Der Jude
Volume
9 (1925-1927)
Issue
1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
Article
Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
Date
1925-01-01
Page
37 (sequence 5)
Language
German
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Deutsche und jüdische „Schuld" und Aufgabe Wollte man aber weitergehen und etwa sagen: „Also! Mehr war, mehr ist doch wahrlich von den Juden nicht zu verlangen, als dieser großzügige Versuch!", so könnte ich dies nicht zugeben. (Ich sehe einerseits mit gutem Grunde davon ab, daß dieser großzügige Versuch sehr spät erst kam, und ich bemerke anderseits zwischendurch, daß es sich nicht um ein prätentiöses „Verlangen" handelt, da ich ja nichts zu fordern, sondern nur Möglichkeiten und Tatsachen zu betrachten habe). Als Deutscher muß ich vielmehr nach einem Menschenalter zionistischer Bewegung das Folgende bedenken. So ungeheuer bedeutsam für das Judentum der Erde die zionistische Bewegung sein mag, so groß ihre derzeitigen Erfolge erscheinen mögen, ja, so tief sie auch die Entwicklung der Konfliktverhältnisse in Deutschland beeinflusse, — dennoch und trotz alledem scheint sie mir die „Lösung" des Konflikts nicht zu bringen. Rein mechanisch könnte die zionistische Bewegung auf zwei Arten zu dieser Lösung beitragen, ja sie durchführen: durch Wegziehen aller Juden aus Deutschland oder durch Abstinentmachen der Verbleibenden. Sie könnte, theoretisch betrachtet, erreichen, daß alle Juden bis auf unbedeutende Reste, etwa von der Größenordnung der in Deutschland lebenden Spanier oder Schweden, Deutschland verließen. Die Meinung, daß es dahin kommen werde, teile ich nicht, und ich hoffe das nicht; selbst wenn jemand sie aber teilte, so müßte er doch wohl, schon aus Vorsicht, einsehen, daß wir darauf nicht warten und damit „rechnen1* können; es könnte vielleicht fünfhundert Jahre dauern, und in diesem Zeitraum könnte Entsetzliches aus dem noch immer offenen „Problem" entspringen: wir hätten dann trotz dieser Aussicht das Problem so zu behandeln, als ob die Aussicht nicht bestände; es ist ein sittliches und lebendiges Problem, Menschenglück und Menschenleben stehen auf dem Spiel, und das verträgt keinen Aufschub auf Grund vager Hoffnung. Die zionistische Bewegung könnte zum andern folgenden Zustand erreichen: Die Judenheit erhält ihren festen Kern und ihr produktiv-konsumptives Geistzentrum in Palästina: was in Deutschland — in Europa — von Juden übrig bleibt, hört auf, sich am öffentlichen Leben maßgebend und beeinflussend zu beteiligen, wird „abstinent", während, ein kleiner Rest sich vollkommen assimilieren läßt; die „abstinenten" nationalbewußten Juden würden dann in Deutschland so leben wie etwa die hier lebenden Österreicher. .. Dieser ganze Fall ist schwer ausdenkbar, er ergibt sich zwar durch theoretische Betrachtung, aber diese muß so viele Fragen offen lassen, daß kein recht beurteilbares Bild* entsteht (wozu sollten z. B. überhaupt viel „abstinente" Juden hier bleiben? aus welchen Motiven? und würden sie nicht doch sehr bald wieder Einfluß suchen? usw. usw.) Im übrigen aber glaube ich überhaupt 37

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