Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Antisemitismus und Zukunft
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 16 (sequence 7)
- Language
- German
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Otto Flake Immerhin ist der Dienst an einer künftigen, übernationalen Gesellschaft nicht ohne weiteres Radikalismus. Dieser Dienst kann auch darin bestehen, daß man die Idee der Menschlichkeit mit Vorstellungen füllt. Es handelt sich für jeden Juden ja darum, seine gegenwärtige Lage innerlich, seelisch, geistig so zu erweitern, daß er nicht verzweifelt, daß er das Leben ertragen kann. Sicher gibt es keine zweite Rasse, in der jeder Einzelne so mitleidlos gezwungen wird, sich durch Überlegenheit zu behaupten — durch Überlegenheit und durch Überlegung. Er muß sich eine Zuflucht schaffen, in der er Kraft schöpft, mit dem Schicksal seiner Rasse fertig wird, den Haß auf seine Peiniger zügelt und ihn irgendwie ins Positiye wendet, in die persönliche Zähigkeit (die den Typus nicht verschönert) oder in universale Ideen. Man sollte meinen, daß das Gefühl, unter Barbaren, genauer, unter Menschen zu leben, die dem Juden ihre barbarische Seite zeigen, die grandiosesten Zürner und Bekenner hervorbringen müßte. Aber hier hemmt ohne Zweifel das Bewußtsein der verweigerten Legitimität. Der Unterdrückte, der Liebe und Gleichheit verkündet, greift nicht durch, denn seiner Situation können gar keine anderen Prinzipien entspringen. Daß die Ideen wähl, die der Jude trifft, ohne weiteres aus dem Ghetto abgeleitet wird, gehört zur jüdischen Tragik. Eben deswegen ist ihre Lage nicht nur ihre Angelegenheit, sondern die des Geistes überhaupt. Wo Geist auftritt, kann er nicht am Antisemitismus vorübergehn; er muß sich mit ihm befassen. Die geistigste Rasse wird künstlich in den Intellektualismus gedrängt, für mich hauptsächlich deswegen, weil man ihr nicht erlaubt, für alle, sondern nur für sich zu sprechen. Es genügt nicht, wenn die nicht jüdischen Geistigen sich des Antisemitismus enthalten; sie müssen ihn zurückweisen. Man weist ihn nicht zurück, indem man etwa philosemitisch wird und Prinzip gegen Prinzip ausspielt, sondern indem man die allgemeinen Aussagen durch ganz präzise ersetzt. Die präzise Aussage oder Hallung besteht darin, stets nur den Einzelmenschen zu beurteilen. Erschwert wird diese Maxime durch das, was man das Prononzierte des jüdischen Habitus nennt. Wendet man sich dieser Tatsache zu, so beginnt alsbald der ganze tragische Ablauf von Ursache und Wirkung von neuem. Der Araber, der Spanier, jeder andere haben ebenfalls ihren prononzierten Habitus; aber er gilt als rassig, vom Leben in der Natur, vom Krieg, von Ideen der Freiheit und des Stolzes geformt. Der jüdische Habitus weckt Vorstellungen von niederen Lebensbedingungen, sein Träger wird verantwortlich gemacht 16