Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 9 (1925-1927)
- Issue
- 1 (1925) Sonderheft Antisemitismus und Volkstum
- Article
- Der Jude in der deutschen Gegenwart
- Date
- 1925-01-01
- Page
- 1 (sequence 1)
- Language
- German
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ARNOLD ZWEIG Btv giufce in btt i>eutf$ett ©eg entaavt i. Es handelt sich darum, einige Selbstverständlichkeiten ausgiebig vorzutragen. Leidenschaft bei so klarer und unphantastischer Sachlage wird sich leider kaum einstellen. Lebten wir nicht in einer Zeit, in der die primitivsten Leitsätze paradox geworden sind, z. B., daß Recht vor Macht geht, daß Lügen (vom Dolchstoß z. B.) kurze Beine haben, daß insonderheit Staatsbeamte sich den Staatsverfassungen einordnen müssen oder daß Theater dazu da sind, um Dramen von Mimen spielen zu lassen — nicht von Mimen, „Stars4' genannt, lackierte Theaterstücke aufzublähen — lebten wir, also, nicht in einer umgekehrt hamletischen Epoche („Ehedem war es banal, aber nun paradoxiert es die Zeit"), so könnte mancher Schriftsteller diesen Abend besser, als mit dem Verfassen, gerade dieses Aufsatzes hinbringen. 2. Nicht erörtern kann man jüdische Sachverhalte, Seinsverhalte zunächst mit wirklichen Antisemiten. Die allgemeine Menschheit sieht, neben den Werten die an anderen Menscharten sichtbar sind, auch die vom Juden vertretenen Werte. Der Antisemit ist vor diesen gleichen Werten wertblind, er sieht sie nicht, sie sind für ihn nicht da, wie für den wirklich Unmusikalischen die Werte — Schönheit, Erhabenheit, Zauberkraft, befeuernde Rhythmik, seelenerschließende Ausdrucksfülle — der Musik, z. B. der deutschen, nicht da sind. Nur daß die Unmusikalischen daraus nicht den Schluß ziehen, sie, die Minderheit, sei darum auch schon Elite, und die allgemeine Welt sei, nach dem falsch gedachten Demetriuswort, der Unsinn. Mit demjenigen, der alle Übel, an denen er die Gegenwart leiden sieht, auf den Juden zurückführt, der sie verschuldet habe, mit einer Denkart, die am Juden schlechterdings nur Unwert haften sieht und die jüdische Vergangenheit (Bibel und Talmud) wie die jüdische Gegenwart — Einstein und Marx, Freud und Bergson, Mahler und Trotzki, Heine und Landauer — unter ein Spülicht von Entwertungen setzt: mit allen vom Affektdenken Befallenen gibt es keine Erörterungen, nur schweigendes Abwarten. Denn das ist die heimliche Niederlage in den affektiven Menschen: sie können ihren Zustand nicht halten. Sie fühlen, wie er von Jahr zu Jahr abnimmt; wie die Beweiskraft ihrer eigenen Überzeugungen schrumpft und schimmelt, und es bleibt ihnen, wenn sie sich in diesen Naturvorgang nicht fügen, ihren Der Jude, Sonderheft i 1