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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 12 · p. 743

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 12
Article
Die Agrarindustrie in Palästina
Date
1924-01-01
Page
743 (sequence 4)
Language
German
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Umschau: Erziehung 743 Deutschland, ergibt sich hier eine . neue fruchtbare Wechselbeziehung, einesteils billigere, reichlichere und bessere Belieferung mit den agrarischen Erzeugnissen des Orients, andernteils ein neuer Absatzmarkt für Maschinen und allen technischen Bedarf. Jaques Adler ERZIEHUNG Das Paulinenstift zu Hamburg Zur Reform der Anstaltserziehung. In einer der früheren Nummern der Prager Jüdischen Jugendblätter befaßte sich ein Jugendlicher mit der jüdischen Waisenerziehung und verlangte deren durchgehende Reform auf folgender Grundlage: 1. Die Waisenerziehung soll nicht mehr private Wohltätigkeit, sondern selbstverständliche Pflicht der Gesellschaft sein, 2. Umwandlung der Erziehungsanstalten alten Stils in Schulgemeinden und Jugendbereiche. Am Schluß bricht er in den Ruf aus: „Jugendliche, suchet Hilfe für die gedrückte Jugend." Es ist meines Er achtens ein erfreuliches Zeichen für das erwachte soziale Empfinden der jüdischen Jugend, wenn sie sich mit verantwortlich für das Wohl und Wehe der Waisenkinder fühlt und für diese dieselben Lebensbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten wünscht, wie sie ihr zu Gebote stehen. Diese Forderung bedingt freilich, daß die Kinder, denen der Tod die natürlichen Erzieher geraubt hat, in Familien Aufnahmen finden würden, in denen ihnen ein vollwertiger Ersatz gewährleistet werden könnte. Dann wäre die Möglichkeit vorhanden, daß sie — ohne sich als anders zu empfinden als die übrigen Kinder, mit denen sie zusammentreffen — sich frei entwickeln könnten. Wenn Wyneken auch verlangt, daß der junge Mensch unserer Zeit nur bis zu dem Alter in der Familie aufgezogen und gepflegt werden sollte, bis die eigentliche Erziehung einzusetzen hätte, und dann an die Erziehungsanstalten abgeliefert werden müßte, so muß ich schon gestehen, daß ich speziell für die Waisenkinder ganz anderer Ansicht bin als er. Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ein junger Mensch, der seine Eltern am Leben weiß, mehrere Jahre in einer Erziehungsgemeinschaft verbringt oder ob eine Waise ihre Jugend in einem Heim verbringen muß, aus dem es für sie kein Entrinnen gibt. Die Erziehung in Pflegefamilien wäre derjenigen in Anstalten für Waisenkinder entschieden vorzuziehen, wenn wir — besonders bei uns Juden — die geeigneten Familien hätten. Ganz abgesehen davon, daß die wenigsten Pflegeeltern Kinder aus dem Bedürfnis heraus aufnehmen, ihnen einen wirklichen Ersatz für das verlorene Elternhaus zu bieten, besteht auch die Gefahr, selbst in guten Pflegehäusern, daß sich ,,geheime Miterzieher" an das Kind herandrängen, die einen schlechten Einfluß auf dieses ausüben, eine Möglichkeit, die bei wohlgeordneter Anstaltspflege, namentlich in kleineren Betrieben — ziemlich ausscheidet. So kommt also, abgesehen von den wenigen Fällen, — in denen Waisenkinder adoptiert werden, doch nur die Anstalt als Heim für Waisenkinder in Betracht. Um so zwingender stellt sich der Waisenpädagogik die Aufgabe, den ihnen anvertrauten Zöglingen nicht nur Verpflegung und Obdach zu gewähren, sondern sie zu selbstdenkenden, selbstuntersch eid enden, freien, vollwertigen Menschen zu erziehen. Das setzt voraus, daß sie nicht ihren Abschuß mit der Beendigung der Schulzeit findet, sondern daß sie die notwendige Berufsausbildung mit umfaßt. Wie ist nun dieses Ziel am ehesten zu erreichen? Die Worte — „Gemeinschaft und Führertum" sind in unserer Zeit leider zu abgeschmackten Gemeinplätzen geworden, und ich fürchte fast, sie für diese, für mich so heilige Arbeit zu gebrauchen. Und doch finde ich keine anderen Worte, die das wiedergeben, was ich unter „Gemeinschaft", unter „Führertum" verstanden haben möchte. Eine Gemeinschaft entsteht nicht von einem Tage zum andern, sondern sie entwickelt sich ganz langsam und allmählich, sie baut sich auf, sei es aus dem restlosen Vertrauen der einzelnen Mitglieder untereinander, sei es der Mitarbeiter zur Leitung, der Kinder zu ihren Erziehern oder umgekehrt, oder der Kinder untereinander.

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