Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 12
- Article
- Lassalle und das Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 728 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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728 Gustav Mayer: wesentliche Interessen als die Vergnügungen, die Geschäfte, die Zwistigkeiten der Breslauer Judenschaft gab. Nun hatten sich aber in der Tat, wie man weiß, damals in der Breslauer Gemeinde Gegensätze herausgebildet, die eine mehr als lokale Bedeutung beanspruchten und in der gesamten deutschen Judenheit und darüber hinaus, namentlich in christlich-liberalen Kreisen, beachtet wurden. Es waren die Vorgänge, die unter dem Namen: die Breslauer Rabbinatswirren bekannt geworden sind. Um sie zu verstehen, muß man sich gegenwärtig halten, in welchem Maße die große liberale Strömung, die damals Deutschland durchflutete, auch weite jüdische Kreise ergriffen hatte. Es waren die geistig regsamsten Kreise, die das Bedürfnis empfanden, auch von ihrer Seite her die Mauern des Ghetto einzureißen und sich im weltlichen wie im religiösen Leben den Gewohnheiten und dem Bildungsgrad ihrer deutschen Umgebung näher anzupassen. Diese liberalen Juden trugen kein Bedenken, von dem Zäun, den mehr als Anderthalbjahrtausende der Diaspora um die Thorah aufgerichtet hatten, einen nicht unbeträchtlichen Teil preiszugeben. Sie fürchteten nicht, daß der eigentliche Kern der jüdischen Religion dadurch Schaden leiden könnte. Die numerisch viel stärkere orthodoxe Partei jedoch war entgegengesetzter Ansicht und widersprach ihnen, auf triftige Gründe gestützt, in diesem Punkte energisch. Das Haupt der großen orthodoxen Partei war der Oberrabbiner Salman Tiktin. Als 1838 die Stelle des zweiten Rabbiners oder Dajan frei wurde, setzte die kleinere, aber rührige liberale Gruppe alles daran, eine ihr genehme Persönlichkeit nach Breslau zu ziehen. Ihr Augenmerk richtete sich auf Abraham Geiger, der in seiner „Wissenschaftlichen Zeitschrift für jüdische Theologie'' die Forderung vertrat, daß das Judentum vom Boden der Überlieferung auf den Boden der Forschung versetzt werden müsse. Als er seine Probepredigt über die Unveränderlichkeit der Grundwahrheiten der Religion und Moral bei Veränderlichkeit der äußeren Formen halten wollte, suchten die Orthodoxen sie zu verhindern. Sie wollten die Polizei zum Einschreiten veranlassen, weil von Regierungsseite deutsche Predigten in den Synagogen eigentlich untersagt waren. Die Behörde zeigte sich willfährig, aber, als sie erschien, war die Predigt schon vorüber. Geiger wurde gewählt; jetzt protestierten die Orthodoxen unter dem Vorwand, daß Geiger, ein Frankfurter, kein Preuße sei. Jedoch die Liberalen waren früher aufgestanden: sie hatten sich an Alexander von Humboldt gewandt, und dieser setzte durch, daß Friedrich Wilhelm III. im Dezember 1839 die Wahl bestätigte. Doch nun entflammten die Rabbinatswirren erst recht. Ihnen noch weiter nachzugehen, erübrigt sich hier. Es genügt, daran zu erinnern, daß Lassal Vater und Sohn für Geiger Partei ergriffen. Am 1. Februar 1840 verzeichnete dieser in seinem Tagebuch den Beschluß, daß er künftig bei keiner Predigt des neuen Rabbiners fehlen wolle. Kurz darauf befand sich der noch nicht fünfzehnjährige Ferdinand auf dem Friedhof zu einer Beerdigung, bei der Geiger die Trauerrede hielt. Er kam dabei mit einem Bekannten in eine Unterhaltung über ,, Seelen-