Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 12 · p. 707

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 12
Article
Jüdische Rentenbank
Date
1924-01-01
Page
707 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101213-3109914--7531-3109950
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdische Rentenbank 707 des konkreten Zieles der Majorisierung Palästinas nicht bereits allen Einsichtigen klar geworden wäre. Diese Majorisierung muß aber rasch erfolgen, nämlich noch bevor die mächtig vorschreitende arabische Nationalbewegung unseren eigenen Bestrebungen ein stärkeres Veto entgegensetzen kann als bisher. Noch zehn Jahre wie die letzten sechs: und es wird zu spät sein. Seit der Besserung der sanitären Verhältnisse im Lande hat ohnehin die arabische Bevölkerung nun angefangen, mit der prozentualen Zunahme der jüdischen fast gleichen Schritt zu halten. Gewiß ist auf unserer Seite das größere Kultur recht; das primitive Naturrecht der Gegenseite kann sich aber mit der Zeit als so stark erweisen, daß uns alle öffentlich-rechtliche Hilfe des Völkerbundes und des Mandatarstaates nicht helfen wird, wenn wir uns selbst nicht rechtzeitig helfen. IL Während man kurz nach Kriegsende noch eine langfristige internationale Anleihe zu verhältnismäßig erträglichen und jedenfalls tragbaren Bedingungen hätte haben können, muß man jetzt auf dem großen Geldmarkte mit Zinssätzen rechnen, vor deren Annahme nur dringend gewarnt werden muß — mehr als 6%, einschließlich Amortisation, soll man unseren Kolonisten nicht aufzubürden wagen. Warnend verweisen die retardierenden Lenker der Kolonisation Erez-Israels auf diese Tatsache, um daraus zu folgern, die Zeit für die Anleihe sei „noch nicht reif". Nein. Für eine „normale* 1 Anleihe ist es heute, aus rein wirtschaftlichen Gründen, bereits z u s p ä t: es sei denn, daß man die Zinsen eben aus den Spendenfonds mit bezahlen will; aber in einigen Jahren, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse sich (vielleicht) gründlich gebessert haben werden, wird es aus politischen Gründen wieder zu spät geworden sein. Heute braucht uns Europa (lies: England), heute braucht uns der Orient, jenes aus politischen, dieser aus wirtschaftlichen Gründen, als Kolonisatoren. Verpassen wir die uns gegebene kurze Spanne Zeit, erweisen wir uns zu einer wirklichen Kolonisation, zu einer geschichtlich wirksamen Tat nicht als *ähig, so muß Europa über unsere allzu schwachen Schultern hinweg nach anderen Methoden suchen, uns dem Feinde, jedem Feinde, preisgeben. Die von der Balfourdeklaration — die eine Aufgabe und keine Lösung darstellt — noch immer berauschten Vertreter unseres ancien regime sehen einfach nicht, daß wir jetzt zwischen Scylla und Charybdis schaukeln, daß wir auf einem Vulkan tanzen, daß wir bereits von der historischen Brandung zurück getrieben werden; und daß die Schuld zu einem gewichtigen Teil bei ihnen liegt. Statt unablässig das Piano der Friedensschalmei nach dem Takte des Zehnten zu blasen, sollten sie lieber offen und verantwortungsvoll, solange es noch Zeit ist, in den Schofar der N o t stoßen, in das Horn der schon allzu nahe gerückten, nur Verblendeten unsichtbar gebliebenen Gefahr. Denn wenn wir auch dem arabischen Volke Palästinas ein menschenwürdigeres Leben in wahrer, zum Schenken bereiter und offener Freundschaft bringen, wenn wir diesem Volke selbst neue Arbeits- 45*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.