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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 12 · p. 698

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 12
Article
Das neue Arabien
Date
1924-01-01
Page
698 (sequence 2)
Language
German
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698 Hans K o h n : liehen und geregelten Friedensverband zu einigen. Dies gelang ihm auch erstaunlich schnell. Erst unter seinen Nachfolgern trugen die siegreichen Araber den Islam in eroberte nicht-arabische Gebiete, und der Islam wurde zu einer Weltreligion, die ebenso wie die katholische Kirche den Anspruch erhob, in der brüderlichen Einheit der Gläubigen alle Stammes- und Rassenunterschiede aufzuheben. Dies änderte sich erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, als unter europäischem Einflüsse die Ideen der religiösen Aufklärung und des modernen Nationalismus bei den orientalischen Völkern, zuerst bei den Türken und Ägyptern, Eingang fanden. Dieser vielfach ineinander verwobene Kampf zwischen der alten religiösen und der modernen nationalen Auffassung, der in Europa vom siebzehnten bis ins neunzehnte Jahrhundert gedauert hatte, kennzeichnet die Übergangsperiode, in der sich gegenwärtig der Orient befindet. Nur geht dort heute dieser Kampf schneller und bewußter vor sich, als dies früher in Europa der Fall war. Er setzt an die Stelle der verbindenden Religion das sondernde, aber über religiöse Schranken hinweg wiederum vereinigende nationale Bewußtsein. Dieser Prozeß hat sich mit voller Deutlichkeit in der Türkei und in Ägypten abgespielt. Er macht sich ebenso in allen andern Ländern fühlbar und versucht sogar, über alle tiefgehenden Rassenunterschiede hinweg, ein einheitliches indisches Nationalbewußtsein zu schaffen. Aber überall noch steht diesem neuen nationalen Bewußtsein die überlieferte Vorherrschaft des religiösen Bewußtseins zur Seite, sich teils mit ihm verbündend und teils es befehdend.1) In ähnlicher Weise, wie dife moderne Geschichte Deutschlands oder Englands mit einer religiösen Reformbewegung begonnen hat, ist dies auch bei den Arabern der Fall gewesen, Mohammeds ursprünglicher Plan war nicht geglückt. Schon um das Jahr iooo war das eigentliche Arabien wieder in seinen alten chaotischen Zustand einander befehdender Stämme, ohne Gesetz und ohne geschichtliches Bewußtsein, zurückgefallen. Politisch herrschte die vollste Anarchie, das Bewußtsein nationaler Einheit, das Mohammed überraschend schnell geschaffen hatte, war schnell wieder geschwunden. Die mohammedanische Religion war von altem Aberglauben völlig überwuchert, in den Städten die alte Einfachheit geschwunden, Mißbräuche jeder Art hatten sich eingenistet, die Verehrung der Heiligen, die der ursprüngliche Islam nicht gekannt hatte, war zum hervorstechendsten Merkmal geworden. Die Reformbewegung gegen diese Zustände ähnelte in manchem der Reformbewegung, die im alten Israel gegen die beginnende Umgestaltung der alten herben Religion durch den Einfluß des Stadtlebens 1) Über die gegenwärtige Übergangsperiode im Orient siehe meine Arbeiten „Wandlungen im Osten", Der Jude, VI. Jahrg. Heft 10; „Zur Frage der arabischen Föderation", Selbstwehr-Prag, n. Januar 1924; über den Nationalismus in Ägypten „Rund um Palästina" I, Selbstwehr-Prag 8. Februar 1924; und vor allem „Religion und Nationalismus im vorderen Orient", Die Arbeit - Berlin, April-Mai 1924. Über die ganze Frage des Problems des nationalen Bewußtseins siehe die letzten Kapitel in Hans Kohnr „Nationalismus" (Verlag R. Löwit-Wien 1922).

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