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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 11 · p. 681

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 11
Article
Von den "nationalen" Gegensätzen der Juden Erez Israels
Date
1924-01-01
Page
681 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen: Von den „nationalen" Gegensätzen der Juden Erez Israels 681 wenn sie längere Zeit im Land und in den Kwuzoth sind, ziemlich isoliert leben. Zu einem guten Teil liegt es natürlich daran, daß sie des Hebräischen nicht genügend mächtig sind. Aber darüber hinaus wird von beiden Seiten eine mehr oder minder tiefe Kluft gefühlt und bekannt, gerade durch den engen Konnex des Kwuzahlebens. Ich will nicht auf die objektiven Gründe des Gegensatzes eingehen; das würde die komplizierte Schilderung der verschiedenen seelischen Strukturen, unter Abzug des Milieubedingten, nötig machen und notwendigerweise zugleich eine Kritik enthalten. Es genüge die Feststellung des subjektiv deutlichen Bestehens der Differenz. Aber ein Phänomen soll herausgehoben werden: der deutsche Jude in einer deutschen und der russische in einer russischen Kwuzah wirken und sind deutscher oder russischer, wie sie als Individuen für sich wären. Der Kontakt in der Gruppe „national" gleichgearteter Menschen verstärkt die nationale Eigenart des Einzelnen gleichsam durch Induktion. In dieser Hinsicht ist die landsmannschaftliche Siedlung von Nachteil. Übrigens ist es falsch, wenn man denkt, der russische Jude hielte seine Eigenart für d i e jüdische. Soweit er urteilsfähig ist, weiß er, daß ihn sein Russisches ebenso vom ,, Juden" trennt wie den Deutschen sein Deutsches. Wo aber ist ,,d e r Jude" in Erez Israel? Der alte Mann mit Peies und Kaftan an der Klagemauer? Er verkörpert ein gutes Stück Judentum, aber galuthgewachsenes, hoffnungsloses, sterbendes Judentum. Wächst nicht schon ein neues Reis aus unserem Boden? Ja, es gibt schon „Palästinenser*«, erwachsene, hier geborene Menschen des neuen Jischuw; sie unterscheiden sich sichtlich von den Juden aus den Wiegen des Galuth, sie sind klarer, nüchterner, weniger sentimental, weniger dialektisch; aber es sind doch noch zu wenige, als daß man von einem Typus reden könnte. Und es gibt eine große jüdische Jugend aus dem neuen Jischuw in Stadt und Land, eine frische, gesunde, etwas primitive Jugend, die von einer prächtigen Lehrerschaft in freiem Geiste erzogen wird. Erfreulich ist, daß man heute schon von einem Menschen mit einer guten hebräischen Bildung sprechen kann — vordem lag nichts zwischen den Wertungen „europäische Bildung" und „orientalische Kulturlosigkeit*'. Was wird aus dieser Nachkommenschaft des ostjüdischen neuen Jischuw werden? Ich hin hoffnungsvoll. Aber vielleicht wird es einst moderne palästinensische Juden geben, die vom Judentum, wie es uns als gewisse dunkle Kraft stark bewußt ist, so fern sind wie andere Juden des Galuth, gleichfalls, nur anders, milieuassilimiert? So daß aus den noch erhaltenen Zeugungskräften des Judentums nur eine palästinensisch-jüdische Nationalität von gutem Wachstum hervorgegangen wäre? Viele würden zufrieden sein. Ob aber ihre Assimilationskraft groß genug sein würde, um die Juden anderer „Nationalität" sich einzugliedern und einen Prozeß zu gestalten, wie er in Amerika im großen vor sich geht? Aus solcher fiktiven Zukunftsperspektive tut sich uns die ganze Schwierigkeit unseres Nationalitätenproblems auf. Wird und will z. B. das neue jüdische Volk an der großen sephardischen Masse vorbei werden? Was ist sie eigentlich? Man vergesse nicht: de facto ist die „Religion" der gemeinsame Nenner der Juden Erez Israels. Wie überhaupt im Orient das Nationale vom Religiösen aufgesaugt wird, in dem Maße, daß der Araber den muhammedanischen Neger in seiner Mitte viel mehr als seinesgleichen empfindet als den gleichrassigen Christen — ein Grund auch, warum ihm unsere angebliche Rassenverwandtschaft sehr wenig imponiert. Ob wir das Gemeinschaftsgefühl der sephardischen Juden religiös oder national bezeichnen, liegt an unseren Ideenkategorien, auch in bezug auf die Antwort, die ich jüngst von einer armen Frau, die vor kurzem aus Nordafrika eingewandert war, auf die Frage nach ihrem Beweggrund erhielt: , ,Erez Israel gehöre den Juden, überall sonst sei Galuth, und die Juden würden den Gojim den Tempel-

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