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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 11 · p. 677

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 11
Article
Von Israels Auserwähltheit
Date
1924-01-01
Page
677 (sequence 8)
Language
German
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Von Israels Auserwähltheit 677 seines geistigen Grundes strebend, durch die Reinigung der materiellen Natur bereitet Israel in seiner Mitte die reine und heilige Stätte für die Verkörperung des göttlichen Wortes/4 Diese verständnisvolle Achtung hatte Solowjew nicht nur für das biblische Judentum, sondern auch für die gelebte Religion des heutigen jüdischen Volkes. Zahlreiche Briefe und Artikel zeugen hiervon. Und dem entspricht auch seine Vorstellung von der Zukunft des Judentums. Trotz seines tief empfundenen Christentums fordert er nicht die Aufgabe der spezifischen Eigenart des Judentums, sondern ist durchaus für deren Beibehaltung. Es ist sehr interessant und charakteristisch, welche Rolle er in seinen apokalyptischen Vorstellungen dem Judentum zuschreibt. In seinen „Drei Gesprächen" (1899—1900) gibt er ein ausführliches Bild von den letzten Tagen dieser Welt, von der Zeit des Antichrist. Er stellt das Judentum dieser Zeit nicht etwa als in der Christenheit aufgegangen dar, sondern zeigt uns die Juden als ein blühendes Volk, in Palästina lebend. Und zwar werde dann die Zahl der Christen die der Juden nur um die Hälfte übersteigen. Vielleicht noch interessanter ist die entscheidende Rolle, die er den Juden in diesen eigentlichen Schicksalstagen der Menschheit zuteilt. Der Antichrist hat schon gesiegt und hat alle Völker der Erde, und alle Macht auf Erden mit Hilfe der Höllenmächte an sich gerissen. Und er verfolgt die kleine Schar der treugebliebenen Christen (deren Kirchen sich im letzten Augenblick vereinigten), um sie zu vernichten. Doch das jüdische Volk erkennt, daß dieser Messias nicht der wahre Messias ist, rebelliert gegen ihn und vernichtet ihn. ,,Die unermeßliche und glühende Hingabe an Israels Erlöser, an den verheißenen Messias, schlug in einen ebenso unermeßlichen und glühenden Haß gegen den hinterlistigen Betrüger, gegen den unverschämten Usurpator um. Das ganze jüdische Volk stand auf wie ein Mann, und verwundert sahen seine Feinde, daß Israels Seele in ihren Tiefen nicht in den Zahlen und Begierden Mammons lebt, sondern in der Kraft seines Gefühles, in der Hoffnung und in dem Zorn seines Jahrtausende alten messianischen Glaubens/' Daß Solowjews Liebe und Achtung für das Judentum kein bloß peripherisches Moment seiner Ideenwelt war, sondern ein bedingender Teil seines Wesens und Geistes, das beweist am besten die Tatsache, daß er noch auf dem Sterbebette seine anwesenden Freunde bat, ihn beständig wach zu erhalten: er habe noch für das jüdische Volk zu tun. Sie berichten, daß Wladimir Solowjew noch in seinen letzten Augenblicken in hebräischer Sprache für die Geschicke des jüdischen Volkes betete.

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