Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Von Israels Auserwähltheit
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 670 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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670 Wladimir Solowjew: WLADIMIR SOLOWJEW/ VON ISRAELS AUSERWÄHLTHEIT Eingeleitet und übersetzt von L a s 1 ö Radvany Dostojewskys Antisemitismus ist allgemein bekannt. Er kam in jüdischen Fragen nicht über die Vorurteile und Phrasen der zeitgenössischen antisemitischen Journalistik hinaus, obwohl er ständig seine Objektivität betonte. So könnte leicht die Meinung entstehen, daß der Antisemitismus mit dem religiösen Rußland untrennbar verbunden sei. Daß dies durchaus nicht der Fall ist, ergibt sich mit vollständiger Klarheit, wenn wir die Stellungnahme Solowjews zur Judenfrage betrachten. Wladi mi rSolo wj e w , nach der Aussage Lopatins „der erste wirkliche Philosoph Rußlands" und zweifellos einer der bedeutendsten Religionsphilosophen des ausgehenden XIX. Jahrhunderts, hat eine ganz andere, derjenigen Dostojewskys durchaus entgegengesetzte, im vollen Sinne des Wortes positive Stellung gegenüber dem Judentum eingenommen. Die Schriften dieses Hauptrepräsentanten der neuen russischen Religiosität vermitteln die Einsicht, daß der Antisemitismus Dostojewskys unmöglich aus dem Wesen seiner allgemeinen religiösen Einstellung, vielmehr höchstens aus seiner individuellen Einstellung folgen konnte. Doch Solowjews Stellungnahme zum Judentum ist nicht nur wegen ihres Gegensatzes zu derjenigen Dostojewskys, sondern auch an und für sich genommen interessant und wichtig. Dieser folgerichtigste und reinste Verfechter des neueren russischen Christentums hat stets, wissenschaftlich ebenso wie politisch, seine tiefe Achtung vor dem jüdischen Volk, seine warme Sympathie mit jüdischem Wesen und sein wahres Verständnis für die religiöse und historische Eigenart und Sendung des Judentums bezeugt. Deshalb darf man bei* keiner Untersuchung, die der Beziehung zwischen jüdischem und russischem Geist gewidmet ist, an Solowjews Stellung zum Judentum vorübergehn; um so weniger, da sie der nichtrussischen Judenheit wohl nicht genügend bekannt ist. Im Folgenden wollen wir nun Solowjew selbst zum Worte kommen lassen. * * * Vorerst soll an einigen wesentlichen Punkten der tiefe Gegensatz zwischen Dostojewskys1) und Solowjews2) Ansichten aufgewiesen werden. *) Für Dostojewskys Anschauungen über Judentum und Juden finden wir die meisten Belege im „Tagebuch eines Schriftstellers." 2) sämtliche hier angeführten Stellen stammen aus Solowjews Abhandlung „Das Judentum und die christliche Frage" 1884. (In der zweiten russischen Ausgabe der Werke W. Solowjews, S. Petersburg, o. J. Bd. IV, S. 135—185). Vergl. den Aufsatz von Edmund Müller im „Juden", I. Jahrgang, Heft 12.