Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Aktenstücke zu den Legalisierungsversuchen der Zionistischen Organisation in Rußland
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 666 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101212-3109827--7477-3109885- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
666 N. M.Gelber: 3. Die Stärkung des jüdischen Selbstgefühles und Volksbewußtseins. 4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmungen, die nötig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen. Den Grundpfeiler dieses Programms bildet also das „öffentlich-rechtliche" Moment. Für eine entwicklungsfähige Kolonisation in Palästina sind ausreichende rechtliche Sicherheiten notwendig. Um diese Sicherheit zu erlangen, müsse man sich bemühen, die Zweckmäßigkeit des Zionismus den in Betracht kommenden Regierungen, also der Türkei und den anderen Großmächten, näherzubringen. Auf diesen Bahnen wandelte mein Vorgänger Schritt für Schritt. Er trat überall zu den maßgebenden Kreisen in Beziehungen, schuf und entwickelte die günstigsten Zusammenhänge und brachte es in einer verhältnismäßig kurzen Zeit so weit, daß die große sittliche Kraft des humanen zionistischen Gedankens viele hier und da herrschende Vorurteile zu überwinden vermochte. Im Jahre 1898 wurden wir als zionistische Deputation vom Deutschen Kaiser während seines Aufenthaltes in Jerusalem empfangen. Im Jahre 1902 war Herzl in Rom und wurde daselbst vom König von Italien und vom Papst in längeren Audienzen empfangen. Man konnte schon damals in den allerhöchsten Kreisen die Wahrnehmung machen, daß für eine Förderung des zionistischen Zweckes Anlagen und Anhaltspunkte vorhanden sind. Realpolitische Erwägungen geboten selbstverständlich vor allem ein zielbewußtes Herantreten an die türkische Regierung. Zu diesem Zwecke weilte ich mit meinem Vorgänger mehrere Male in Konstantinopel. Die Audienzen beim Sultan und die Unterhandlungen mit der Regierung haben einen Meinungsaustausch eingeleitet, der mit der Zeit, unter günstigen Umständen, zu wünschenswerten Resultaten führen kann. Nach dem im Jahre 1904 erfolgten Tode Herzls und seitdem ich die Präsidentschaft übernommen habe, bildet die Pflege zweckentsprechender politischer Beziehungen und die Gewinnung neuer Sympathien den Gegenstand meiner ernstesten Bemühungen. Ich suche das uns längst gewährte Wohlwollen zu erhalten und die Verbindungen weiter auszudehnen. Um an das Problem gründlicher und praktischer heranzugehen, weilte ich im vorigen Jahre zweimal in längeren Aufenthalten in Konstantinopel. Selbstverständlich führen Verhandlungen dieser Art nie zu sofortigen Ergebnissen, aber was ich über allen Zweifel als klar feststellen kann, ist, daß unser Unternehmen keineswegs auf einen entschiedenen Widerspruch stößt und daß unser Erfolg vielmehr von Bedingungen abhängig ist, die nur von einem großen Aufschwung unserer Idee und von einem tüchtigen Erstarken unserer Organisation zu erwarten sind. Ew. Exzellenz! Nachdem ich Ihnen das Wesen, die Zwecke und die Mittel des politischen Zionismus dargetan habe, erübrigt es sich wahrhaftig, einem Staatsmann von Ihrer Bedeutung gegenüber den Nachweis zu erbringen, daß die zionistische Bewegung eine friedliche und ruhige Entwicklung verfolgen muß. Es bedarf wirklich unserseits keiner besonderen Loyalitätserklärungen; der rechtliche Charakter unserer Bewegung liegt in der Logik unseres Programms und bildet die Basis seiner Bedingungen und Notwendigkeiten. Kolonisationspioniere, die durch ehrliche, schwere Arbeit sich das alte Heim wiedergewinnen wollen und die zu diesem Zwecke auf eine humane Förderung seitens der Regierungen und der Völker zuversichtlich rechnen, können keine Abenteurer sein, wenn sie nicht mit eigenen Händen ihrem Werke ein Grab schaufeln wollen. Wenn man ein Refugium für unglückliche, umherirrende Menschen mit Genehmigung der Regierungen schaffen will, so kann man nicht daran denken, irgendwo neue Reibungsflächen zu schaffen, sondern im Gegenteil, man muß darauf bedacht sein, den Konflikten Einhalt zu gebieten und die Gärungen nach Kräften zu vermindern. In diesem Sinne wird auch die Zionistische Organisation von mir und meinen Kollegen geleitet, und sie kann nach der Natur der Dinge gar nicht anders geleitet werden. Gesetzlich und friedlich, wie unsere politischen Ziele, sind auch die Institutionen, die wir für diese Ziele geschaffen haben. Wir haben eine Bank geschaffen („J ewishColonial Trust Ltd., London"), die den Zweck hat, als das finanzielle Instrument unserer Sache zu dienen. Aus kleinen Beiträgen, die hunderttausende für unser Ideal in der ganzen Welt begeisterte Juden gegeben haben, ist ein bescheidenes Kapital entstanden, das regelrecht verwaltet, eine kleine Dividende für die Aktionäre abwirft, die meistens auf den Empfang ver-