Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Französische Juden
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 608 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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6o8 Bemerkungen: Französische Juden weinend in der Nacht wiederholte er für sich: Sie sprechen von den Tränen des Mitleids; aber wer spricht von den Tränen jener, die es erstickten, um hart zu werden?" Felix hat in diesem seinem ersten großen Liebeserlebnis seine Weihe empfangen für das Leben der Idee. Er gibt sich ihm ganz hin, als Logiker geht er in jahrelangem Bemühen dem Werden der Begriffe nach. Er weiß, er muß sich ganz dem Amor intellectualis hingeben, aller geschaffenen Liebe entsagen. Nietzsche hat in seinem „Was bedeuten asketische Ideale?" (Zur Genealogie der Moral) die Ehe als Hindernis und Verhängnis auf dem Wege des Philosophen zu seiner vollen Leistungsfähigkeit gesehen. Der Philosoph erkennt in der Askese die Bedingung höchster und kühnster Geistigkeit, und dies bis zu jenem frevelhaften Egoismus des Denkers: pereat mundus, fiat philosophia, fiat philosophus, fiam . . . Aber Felix glaubt es wagen zu dürfen, er fürchtet Eva und Delila nicht; er schließt eine Ehe, die ihn nicht stört, nur Wohlbehagen um ihn zu schaffen scheint. Es ist der Aufstieg dessen, der frei und stark sein will und im Grunde doch die Gefahr der Schwäche trägt. Seine Frau (nirgends ist es angedeutet, aber dennoch ist es fühlbar) ist Nichtjüdin, sie ist völlig anders als er in ihrer „angeborenen Scheu, auf den Grund der Wesen hinabzusteigen, demoderation native et patricienne dans le desir de goüterl'ame humaine". So scheint alles wohlgeordnet. Da kommt der Absturz. Seine Tochter erkrankt — und plötzlich gewinnen uralte Kräfte der Sippengemeinschaft Gewalt über ihn. Er fühlt sich nicht mehr allein mit seiner Aufgabe, Herr seines Schicksals, er findet sich eingestellt in einen menschlichen Zusammenhang, der Forderungen an ihn stellt, er fühlt sich selbst fortgesetzt in seinem Kinde, er erlebt die Einheit des Blutes. Er ringt mit der Liebe, die von ihm Besitz zu ergreifen droht, er kann nicht mehr arbeiten, er muß sein geistiges Leben opfern. Denn er weiß, daß es im geistigen Leben wie in der Liebe nur eine völlige Hingabe gibt. Man kann nur Einem ganz dienen. Und Felix, der um nichts so rang wie um die Klarheit der Vorstellungen, zerbrach an dem tragisch-verworrenen Widerspruch allen Lebens, von dem er doch eine mitleidlos klare Vorstellung hatte. Hier verbindet der Dichter seines Helden Schicksal mit der Anklage gegen die weichlich-weibische, „christliche" Zeit, gegen die Religion „des Herzens, des Gefühls, der Tränen". Der strenge Judengott, der mit Groll zu scheiden wußte zwischen Gerecht und Ungerecht, erwacht wieder und verdammt die Kunst dieser Zeit, die Gefühl geworden ist, ihre Gerechtigkeit, die sich Liebe nennt, ihre Sittlichkeit, die zur Güte geworden ist. Felix ringt um seine Freiheit, um sein geistiges Leben, aber es ist schon zu spät. Er erliegt, erlebt das dumpfe Leben der Natur und der Liebe imAlltag seinerFamilie und betrauert das verlorene Leben des Geistes. Und wie ein Ausklang steht das Gespräch zwischen ihm und seiner Gattin: „Warum willst Du immer alles benennen? Warum willst Du immer urteilen und richten?" „Du hast recht", murmelte er, „das ist eben unsere Art". „Ich bin nicht so, ich nehme das Leben ganzeinfach,ohne mich zufragen,was es ist"... - Perez hat in seiner Erzählung „Zwischen zwei Bergen" den Thalmudisten und denChassid einander gegenüber gestellt, den Hymniker der strengen geistigen Arbeit, jener letzten Askese in eiskalter, kristallklarer Luft, die der Dienst der Weisheit fordert, und den gütigen, dienenden, mit dem All liebend Verbundenen. Perez selbst war seiner ganzen Anlage nach ein Logiker, der sich in Liebe nach dem Chassidismus verzehrte. Benda sehnt sich in einer Zeit der,Auflösung und der Verflüchtigung aller Formen nach dem starken Halt und der reinen Geistigkeit vergangener Geschlechter zurück. Das sind die beiden Pole des Lebens, zwischen denen wir immer hin und hergeworfen werden. In seinen stärksten Zeiten wußte sie das Judentum zu vereinen, über alle Tragödie ihres Auseinandergehens und ihrer Trennung hinaus in der Einheit seinesLebens, das seinen entgegengesetzten Funktionen in dem durch diese Polatität getriebenen Prozeß seiner Geschichte ihre Bedeutung gab. Hans Kohn