Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 599

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
De Haan als Dichter [Rezension]
Date
1924-01-01
Page
599 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101211-3109737--7396-3109793
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bemerkungen: De Haan als Dichter 599 Wie wesenlos ist gegenüber dem, was unbewußt aus der Seele des Volkes heraus geschaffen wird, das, was wir, von der Substanz des Volkes losgerissen, mit Bewußtsein und Absicht an jüdischer Kunst schaffen wollen. Jüdische Kunstgewerbeschule Sie schmieden Türme für eine Welt, die sie schänden, Und Leuchter für ein Fest, das sie nicht feiern. Doch einst wird unser frommes Volk sich selbst erkennen Und heilig Land mit heilig Kunst verzieren. Freilich, auch ihm selbst, der diese Worte verdienter Bitterkeit über das neue jüdische Geschlecht schrieb, auch ihm war diese Volksverbundenheit Sehnsucht und nicht Erfüllung. Ihm kann keine Erfüllung nützen. Hinter jeder Erfüllung steht ein neues Verlangen des unstillbaren Herzens. „Man sagt, einer kann nicht zwei Herren dienen. Diene ich nicht Gott und dem Satan zugleich?" Er geht zur Klagemauer beten, aber das Lächeln des schönen Marokkanerknaben am Wege ist verführerisch und lenkt ihn vom Gebete ab. »,Geh ich zur Klagemauer wegen der Gebete Oder wegen des kleinen marokkanischen Knaben?" gesteht er freimütig. (Daß man die Art seiner Erotik gegen de Haan als Waffe im politischen Kampf verwendet hat — schon zu Lebzeiten und erst recht nach seinem Tode — wird denjenigen nicht verwundern, der den jüdischen Bürgertypus kennt.) Und andere innere Konflikte. Wohl hat er die Gebundenheit und Verbundenheit der Frömmigkeit gesucht, aber immer wieder drängt es ihn zur Freiheit hin. Bei den abgemessenen vier Bechern der Sedernacht sehnt er sich zurück nach ungeweihtem Wein. Und so schwankt er unruhig, unbefriedigt, hin und her. De Haan hat die Seelenkämpfe der Palästinawanderer aufs tiefste in sich durchgelitten. Die Sehnsucht nach der ersten Heimat, nach ihrer Sprache, deren Meister er war. Wohl schreibt er ein Gedicht an Ben Jehudah und klagt, daß er nicht in hebräischer Sprache schreiben könne — aber dann packt ihn wieder die Sehnsucht, die Sprache seiner Lieder um sich zu hören. Mußte er erst nach Palästina kommen, um Hollands Schönheit zu verstehen? Als er von Amsterdam wegfuhr, schrieb er: ,,Den letzten Tag längs Deinen Grachten, Du schöne Stadt, geh ich anbetend fcrt. Niemals vergeß ich Deine Prächte, Aber ich habe Jerusalems Stimme gehört." Doch er erfährt, daß er in Jerusalem der tief gequälte Mensch bleiben muß. Er schreibt den holländischen Freunden: ,,0 schreibt mir manchmal aus Holland einen Brief, Ihr seid so fern, und ich bin so allein." Und dem jungen Dichter schreibt er nach Holland: ,,Mein Traum von Jerusalem ist vorbei." ,,Ich bin müde vom Leben und kann nicht sterben; ich fürchte das Leben und fürchte den Tod, gejagt und fortgetrieben von Not zu Not." Er weiß: alles ist Zweifel. Sicher ist nur dies: Zweifel und Herzenspein. Das Problem der Vergänglichkeit, Zeit und Ewigkeit, Gestern, Heute und Morgen kehrt immer wieder. Er kommt zum Schluß: Was unvergänglich ist — ist die Vergangenheit allein. Ich habe einiges aus diesem Vierzeilerbuch ausgewählt, nicht um de Haans Taten zu beschönigen. Er hat uns schreckliche Dinge angetan. Aber wie unmenschlich macht uns der politische Kampf und sein Werkzeug, die Presse. Wir wußten von de Haan, dem ,,Verräter", der zu Northcliffe und zu Hussein ging. Wir wußten nichts von der gequälten Seele,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.