Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Deutsche und Juden
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 562 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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5Ö2 W ilhelm Michel: barungen dieser Tendenz zu widersprechen scheinen: sie ist die Grundkrait, sie ist das Geheimnis des deutschen Wesens1). Kein Abfall kann sie widerlegen. Im Gegenteil: die oft schauerliche Kraßheit deutscher Felonie hängt mit der besonderen Höhe der deutschen jGrundforderung so eng zusammen wie die Tiefe des Tals mit der Höhe des umschließenden Gebirgs. / Fehlt also das Deutschtum durch eine Ausschweifung nach der Seite des Hinströmens, so trägt es die Strafe dafür, indem es, nach Hölderlins Wort, als „ungestalte Rebe schwankend den Boden und wild umirret". Und mit diesem Wort will ich auf einmal alles Gestaltlose, alles Problematische, Groteske und Rätselhafte deutschen Lebens und Wesens umfaßt haben, das wir je und je für Geistestiefe und Seelenschönheit, für Goethe und Hölderlin, für Schiller und Kant, für^Meister Eckhart und Grünewald und Bach als Preis gezahlt haben. , k f f IIt Findet man sich nun in dieser Geistesentscheidung des Deutschtums — sei es naturhaft und ahnungslos, sei es nach mannhaftem und nicht vergeblichem Aufgebot aller erdenklichen Formkräfte — schließlich doch wesentlich und unentrinnbar einbegriffen, so wird man nicht blind sein können gegen jene uranfängliche und welthistorische Verfehlung des Judentums, die darin liegt, daß es sich zu unfromm gegen den Tod gesträubt und gegen die verwandelnden Mächte beizeiten zu fest gemacht hat. Tausendfach mögen wir Deutsche uns sagen, daß der Welt dadurch Unschätzbares gegeben wurde: wir werden immer mit tiefer Befremdung, ja mit Grauen vor der pharisäischen Hybris stehen, die aus den furchtbaren Erfahrungen des Exils den Entschluß zu der vermessensten und erfolgreichsten Unternehmung gegen den Tod gezogen hat. Ein Volk kettet sich ans Leben wie an eine Galeerenbank, es mauert sich ins Dasein ein mit einer wunderbaren, begeisterten Wut. Es stellt sich und seine Gottesbeziehung fest in einem||Kodex, der Lehre und Lebensregel in einem ist und von Anfang an mit unerhörtem Nachdruck auf buchstäblichem und unverbrüchlichem Gehorsam besteht: Göttliches, Sittliches, Bräuchliches und Völkisches in geschmiedeter Bindung, der man heute noch die herkulische Muskulatur anmerkt, die sie zustande brachte. Kein Essen, Trinken, Tun ohne das Memento vivere des Volkes, vollkommene Durchtränkung des innersten Menschen mit „Volk", eine furchtbare Klugheit im Absehen von der bloß geistigen Festlegung, eine Anbindung alles Geistigen und Religiösen an das Leibliche, wie sie weder vorher noch nachher in dieser Ausdehnung und Vollkommenheit gewagt wurde. Selbst das Werk des Konfuzius bietet dazu, wie es scheint, nur eine schwache, unzulängliche Analogie. Das Wehren gegen den Unter- und Übergang, das hier mit freier, fast frecher Stirn hervortritt, hat etwas Gigantisches, etwas Großartiges. Ja es hat etwas» das die Juden von einer gewissen Seite her berechtigt, auf alle anderen Völker als auf ewige, jünglinghafte Eleven des Daseins herabzublicken. Aber gerade in dieser ungeheuren, beispiellosen Leistung muß der Deutsche, *) Vgl. meine Schrift ,,Hölderlin und der deutsche Geist", Roetherverlag, Darmstadt.