Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Deutsche und Juden
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 561 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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WILHELM MICHEL/ DEUTSCHE UND JUDEN1) In meiner Schrift „Verrat am Deutschtum" habe ich getan, wozu ich als Deutscher und als Mensch verpflichtet war: ich habe das Deutschtum gegen den Judenhaß verteidigt. Denn dieser ist Verrat, von Deutschen an ihrem eigenen Volk begangen. Ich erkenne praktisch keine Judenfrage an. Es gibt eine Frage des Judenhasses, aber diese gehört für mich in eine Reihe mit jenen Fragen, die sich in so großer Zahl an sogenannte Kulturschäden zu knüpfen pflegen. Ich halte an dieser Betrachtungsweise fest, obschon ich hier das Wort nehmen will, um einem ungeheuren, sehr tief liegenden Fremdgefühl des deutschen vor dem jüdischen Geist Ausdruck zu geben. Es ist ein Fremdgefühl, das mit der antisemitischen Abwehr gegen die Juden (und insbesondere mit Geist und Methode dieser Abwehr) nicht das Geringste gemein hat. Ja es wird sich, wie ich glaube, zeigen, daß die Grenzlinie, die hier zwischen deutschem und jüdischem Geist gezogen wird, den Judenhaß eher auf die jüdische als auf die deutsche Seite verweist; freilich nur als Karrikatur einer Welttendenz oder einer Seinsstufe, die im Judentum zu großer, majestätischer Auswirkung kommt. Das Leben überhaupt beruht — wenn ich hier eine stark vereinfachte, schematische Betrachtungsweise zugrunde legen darf — auf dem großen Dialog der festmachenden und der ausfließlichen Kräfte. Ist dies wahr; ist es wahr, daß die Welt und jedes Geschöpf aus tausend wunderbaren Begegnungen zwischen Hinströmen und Verfestigung lebt, so überantwortet sich ein Leben keiner dieser beiden Tendenzen ohne ,,Sünde*' und „Strafe". Der deutsche Geist hat in jenem unzugänglichen Bereich, wo sich die Seelen der Menschen und der Völker für ihr geschichtliches Leben vorentscheiden, Partei genommen für die Tendenz des Hinströmens, der Hingabe, der strahlenden Verschwendung, des selbstvergessenen Allumfassens. £r hat sich in einer sehr entschiedenen, ja stürmischen und ausschweifenden Weise für das ewige Werden, für die Verwandlungsfreude, für unendliche Erneuerungslust, für grenzenloses Fortschreiten, für unbedingtes Lieben und Opfern entschlossen. So grell auch zahlreiche deutsche Verlaut- *) Vgl. die Aufsätze von Paquet und Schumann. Wir werden, wie schon angekündigt, demnächst mit unserer eigenen Stellungnahme in die Diskussion eingreifen, die dann auch von christlicher Seite weiter fortgesetzt werden soll. Die Red. Heft 10. 36