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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 9 · p. 545

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 9
Article
Zur Frage der zionistischen Propaganda
Date
1924-01-01
Page
545 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen: Zur Frage der zionistischen Propagandj 545 einer nationalen hebräischen Kultur. Noch zur Zeit des Sprachenstreites in den letzten Jahren vor dem Kriege hatte man geglaubt, daß gerade diese nationale kulturelle Arbeit am stärksten von den nichtzionistischen Juden werde angefeindet werden. Heute erleben wir, daß gerade diese Seite der Frage auf das vollste Verständnis und auf das tatkräftige Interesse der durch den Appell Palästinas neugewonnenen Kreise stößt. Während auf diese Weise die mit der Wirklichkeit und den Möglichkeiten Palästinas operierende Propaganda in immer weitere jüdische Kreise eingedrungen ist, sind die anderen Momente, die im 19. Jahrhundert zum Zionismus und zur jüdischen Wiedergeburt im allgemeinen geführt haben, in der Propaganda immer mehr in den Hintergrund geraten. Die Zionistische Organisation (nicht vielleicht die, die Herzl zuerst beabsichtigt hatte, wohl aber die, die sich im Laufe dieser zwanzig Jahre entwickelt hat) schöpfte ihre Kraft nicht so sehr aus einer reinen Palästinapropaganda, als vielmehr aus einer national-kulturellen Propaganda viel allgemeinerer Art, die jedes einzelne Individuum zu erfassen suchte, nicht nur in seiner Hinwendung nach Palästina, sondern in den mannigfaltigen Äußerungen seines Diasporalebens, um aus ihnen eine tragfähige Basis für das neue jüdische Bewußtsein und für den Zionismus zu schaffen. Die Dürftigkeit und die Inhaltlosigkeit, über die heute in den Kreisen der Zionisten geklagt wird, entspringt aus dem Versiegen dieser national-kulturellen Arbeit in ihrem weitesten Sinne, wozu auch jede organisatorische und wirtschaftliche Zusammenfassung gehört. Man hat das Gefühl, als habe die Palästinapropaganda jede andere Propaganda unnötig gemacht, und da die palästinapropaganda immer weitere Kreise des Judentums zu erfassen beginnt, verschwindet langsam der Unterschied zwischen Zionistischer Organisation und dem immer größeren Kreise der allgemeinen Judenheit, deren tätige Sympathien für Palästina ge¬ Heft 9. weckt wurden. Aus dieser Erkenntnis entsteht manchmal sogar der Gedanke an eine mögliche Liquidation der Zionistischen Organisation, der sich auch in dem Wunsche ausprägt, die Organisations- und Propagandazentren unserer Bewegung nach Palästina zu verlegen und hiermit ganz in den Bann der reinen Palästinapropaganda zu stellen. Am stärksten sind diese Symptome bei der Jugend. Die Klagen über den Mangel an Nachwuchs sind allgemein. Der am stärksten palästinensisch gerichtete Teil der Jugend ging gleich nach dem Kriege hinüber, und mit dem Versiegen der kulturellen Erziehungsarbeit in der Diaspora war auch ein Versiegen des Nachwuchses gegeben. Die Chaluzbewegung bereitete für Palästina vor, aber sie streute nicht jene Samen aus, die die jüdische Jugend in der Diaspora mit dem Judentum innig verbinden und verschmelzen konnten. Eine Besserung dieser Lage kann nur in der Erkenntnis herbeigeführt werden, daß noch für lange Jahre nicht nur das ökonomische Kraftzentrum, sondern auch das kulturell organisatorische Kraftzentrum der Bewegung in der Diaspora liegt, und daß es daher vor allem Aufgabe sein muß, diese Diaspora mit unserer Propaganda zu durchdringen. Doch darf diese nicht bloß auf der Wirkung der neuen Wirklichkeit Palästinas beruhen, so sehr gerade auch diese Art notwendig ist und immer mehr vielleicht ihre Anziehung ausüben kann. Aber sie erweckt in den Menschen, die sie erfaßt, nur eine starke Sympathie für das Werk in Palästina, die sich wohl in Taten äußern kann, die aber, falls diese Menschen nicht übersiedeln, was aus verschiedenen Gründen nicht immer möglich ist, nicht das Individuum wirklich ergreift und es in keiner Weise in seinen tieferen Schichten mit der Gesamtheit des jüdischen Lebens aller Zeiten verbindet, eine Verbindung, die den Menschen erst wirklich innerlich so ausfüllt, daß er ohne Rücksicht auf seine örtliche Lage im Judentume lebt. 35

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