Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 8 · p. 488

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 8
Article
Die jüdische gewerbliche Arbeit in Polen
Date
1924-01-01
Page
488 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101209-3109552--7255-3109624
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

UMSCHAU WIRTSCHAFT Die jüdische gewerbliche Arbeit in Polen I. Das American Joint Distribution Committee, dessen Tätigkeit in Europa nunmehr abgeschlossen wird, hinterläßt als das vielleicht noch wertvollste Ergebnis seiner Arbeit ein groß angelegtes statistisches Werk „Jüdische industrielle Unternehmungen in Polen", von dem bereits vier große Bände vorliegen, während etwa die gleiche Anzahl noch folgen dürfte. Das Werk ist das Ergebnis einer Enquete, die im Jahre 1921 auf dem ganzen Gebiete der polnischen Republik, also einschließlich der Randgebiete, Ostgaliziens und Wilna- Litauens, jedoch mit Ausschluß der ehemals zu Preußen gehörigen Gebiete, durchgeführt wurde. Der Leiter des Unternehmens, Ing. Eliezer Heller, schreibt in seinem Vorwort zum ersten Band: „Auf diesem großen, von der Enquete umfaßten Gebiet wurden fast alle Ortschaften mit mehr als dreitausend jüdischen Einwohnern, oder anders ausgedrückt, größere Siedlungen von Juden bearbeitet, daneben eine Reihe kleinerer Orte mit charakteristischen jüdischen Industriezweigen". Ich kann im Augenblick nicht prüfen, ob diese Angabe für das ganze Gebiet wirklich stimmt, möchte aber feststellen, daß im Verzeichnis der untersuchten Orte in Ostgalizien nicht weniger als vierzehn Orte mit mehr als dreitausend jüdischen Einwohnern nach der Volkszählung von 1910 fehlen, und zwar Beiz, Grodek, Horodenka, Jaroslau, Kuty, Nadworna, Podhajce, Podwoloczyska, Rawa- Ruska, Rohatyn, Sniatyn, Sokal, Turka, Zaleszczyki, Zolkiew. In diesen Orten wohnten 1910 zusammen knapp 63 000 Juden. In den von der Enquete umfaßten Orten in ganz Galizien wohnten 1910 gegen 360 000 Juden, d. h. etwa 40 % der gesamten und zwei Drittel der städtischen jüdischen Bevölkerung. Für Galizien können somit die absoluten Zahlen der untersuchten Betriebe und der in ihnen Beschäftigten auch nicht annähernd als erschöpfend angesehen werden. (Es wurden ca. 11 500 Betriebe untersucht, 1910 gab es über 33 000 Selbständige in Industrie und Handwerk. Wenn man auch berücksichtigt, daß ein Teil davon im Kriege eingegangen ist, so zeugen doch auch diese beiden Ziffern für die Unvollständigkeit der Zählung). Das wird wohl, wenn auch vielleicht in geringerem Maße, auch im übrigen Polen der Fall sein. Die absoluten Zahlen dieser Enquete sind aber noch aus einem anderen Grunde mit Vorsicht zu gebrauchen. Sie stammen aus der ersten Hälfte des Jahres 1921 (zum Teil sogar vom Dezember 1920), aus einer Zeit also, in der das Wirtschaftsleben in Polen noch in sehr erheblichem Maße unter den Folgen von Krieg, deutscher Okkupation und insbesondere des bolschewistischen Einmarsches litt und kaum noch von einem wirklichen Wiederaufbau die Rede sein konnte. Und doch ist das Material, das uns da vorgelegt wird, von unschätzbarem Wert. Denn wichtiger als die absoluten Zahlen ist der tiefe Einblick in die Struktur der jüdischen gewerblichen Arbeit in Polen, den es trotz aller Mängel gewährt. Und in dieser Wertung wird man noch bestärkt, wenn man diese Enquete mit dem Material vergleicht, das bisher als Grundlage unserer Kenntnis der ökonomischen Verhältnisse der osteuropäischen Judenheit diente. Es genügt, darauf hinzuweisen, daß die bekannte I. C. A.-Enquete (von 1898—1899) im ganzen Königreich Polen bloß 1416 jüdische und 451 nichtjüdische Betriebe erfaßte. Die Schlüsse, die wir aus dem neuen Material über den Charakter der jüdischen Arbeit in Industrie und Gewerbe ziehen können, werden trotz allem der Wahrheit wohl viel näher sein. Allerdings ist der Wert der Enquete noch dadurch beeinträchtigt, daß sie einerseits nur die gewerbliche Arbeit umfaßt, also keine Schlüsse zuläßt über die Rolle dieses Wirtschaftszweiges im jüdischen Gesamtleben, daß sie ferner andererseits — mit Ausnahme der Bialystoker Textilindustrie nur die jüdische Industrie zum Gegenstande hat, also keine Möglichkeit des Vergleichs mit der Gesamtbevölkerung gewährt. Unverständlich ist, weshalb die Frauen- und Kinderarbeit nur in einer einzigen Tabelle (I) berücksichtigt ist, in der die Anzahl der Arbeiter in den verschiedenen Produktionsklassen und Fächern in der Saison- und Nichtsaisonzeit angegeben wird. Dagegen fehlt die Alters- und Geschlechtsdifferenzierung bei den Eigentümern und helfenden Familienmitgliedern, sowie bei Verteilung der Arbeiterschaft auf die ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.