Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Franz Kafka
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 483 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Franz Kafka. — Der Dichter Ernst Toller 483 seines Tonfalls mit dem Geschehen und den Charakterphysiognomien in seinen Erzählungen erlebt hat, wird etwas von dem Rätsel dieses schöpferischen Geistes begreifen. Die kleine Prosa, die er nur widerstrebend auf Drängen seiner Freunde veröffentlichte, wiewohl jedes einzelne von den beschreibenden Stückchen in seinem ersten Buch „Betrachtung" bis zu den größeren Erzählungen: „Der Heizer", „Die Strafkolonie", „Der Landarzt", „Das Urteil" u. a. in sich ein vollkommen abgerundetes Ganze darstellt, sind Teile sehr umfangreicher Werke, die einen seltenen Grad von Vollendung erreichten — und ihm doch als Fragmente erschienen. Seine innere Vorstellung von ihrer vollendeten Gestalt war so hoch, daß er sie zu erreichen verzweifelte. Das Charakteristische an allen modernen Bestrebungen der Dichtersprache ist das Streben nach einer auffallenden Originalität um jeden Preis. Kafkas Visionen mit ihren völlig neuen Welten einer gespenstischen Dämonie sind in einer klaren, einfachen, fast pedantisch auf das Gesetzmäßige bedachten Sprache geschrieben, die jeder auffälligen Wendung, jedem billigen äußerlichen Effekt in geradezu ängstlicher Keuschheit ausweicht. Das und die edle eiserne Konsequenz und Geschlossenheit der seelischen und realen Vorgänge, die bei ihm in einer nicht zu durchdringenden geheimen Verbindung stehen, gab ihm seine besondere Stellung und seinen Einfluß auf die neuere Dichtung. „Die Logik des Wunderbaren" nannte der Literat historiker Walzel das überraschend Neuschöpferische an seiner Darstellung. Das ist aber nur eine Seite, vielleicht nur die Oberfläche seiner Eigenart, das Verblüffende des Eindrucks auf den ersten Blick. Der innerste Kern aber seiner durchaus nicht weltumspannenden, sondern auf einen sehr intimen Traumkreis zusammengedrängten Art ist Keuschheit und Sachlichkeit, die sich ästhetisch in jenem durchsichtigen Kristall klarer und unverschnörkelter Sprache äußert. Ethisch äußert sie sich in der immer gleichen Situation der Unentrinnbarkeit, die im Mittelpunkt jeder seiner Schöpfungen steht. Eine Unentrinnbarkeit, hervorgerufen durch den Konflikt zwischen den Pflichten des Menschen gegen sich selbst, gegen seine liebsten Wesen, gegen die Gesellschaft und gegen Gott. Die Tragik der Unvereinbarkeit dieser Pflichten ist mit einer fast lächelnden Grausamkeit immer als Schuld des Helden empfunden, eine Schuld, die aber doch wieder etwas sehr Begreifliches, fast Selbstverständliches ist. An alle genialen Menschen wird in irgendeiner Form vom Schicksal die Frage gestellt, und sie müssen sich entscheiden zwischen ihrem Leben und ihrem Werk. In welcher Form dann das selbstgefällte Urteil an ihnen vollstreckt wird, hüllt sich in ein — manchmal nicht einmal ganz undurchdringliches — Geheimnis. Franz Kafka hat wahrhaft und mit unerschütterlicher Sicherheit gewählt. Oskar Baum Der Dichter Ernst Toller I. Der Dichter Ernst Toller soll hier nicht mit anderen Dichtern verglichen, auch nicht auf seine künstlerische Bedeutung gewertet werden. Eine solche Betrachtung literarischer Art ist an dieser Stelle, wo vor Juden über Jüdisches gesprochen werden soll, kaum angebracht, wenn es sich auch um einen Künstler aus jüdischem Blut handelt. Hier soll vielmehr eine Auseinandersetzung mit ihm versucht, soll seine Einstellung zum Geist geprüft werden, diesem Hauptproblem seines Werkes. Dies ist aber wahrlich ein jüdisches Thema. Denn wenn sich Geist auch bei allen Völkern offenbart, so wissen wir Juden doch, daß er sich bei uns vielleicht am stärksten und heftigsten offenbart hat, und zwar als das, was er im Tiefsten ist, als Liebe. Ernst Toller ist ein Liebender, ein ekstatisch Liebender, Begeisterter. Darum ist er uns nahe, und darum gehört ihm unsere Liebe. Er ist ein Begnadeter, dem eine Stimme gegeben wurde zu sagen, daß er liebt. Darum horchen wir auf, wenn er spricht. Er ist ein Wortführer der Menschen, in denen der Geist lebendig ist. Das wußten wir schon, seitdem sein erstes Buch erschien, und sahen doch,' daß er — ewige Tragik unzähliger geistiger Menschen — im Geiste stehend, ihn nicht fassen konnte und Unendliches leiden mußte, weil er ihn suchen mußte, wo er nicht zu finden war. Es gibt viele solcher 31*