Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 8
- Article
- Franz Kafka
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 482 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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BEMERKUNGEN Franz Kafka Franz Kafka, der Dichter aus Prag, von wenigen gekannt, aber von diesen als einer der größten heutigen Meister der deutschen Prosa bewundert, ist am dritten Juni im Sanatorium Kierling bei Wien einem schweren Leiden erlegen. Es fällt mir zu schwer, streng nach der Wahrheit ausgedrückt: es ist mir unmöglich, über Franz Kafka, über den Menschen wie über seine Kunst, die so sehr eins waren, richtig und' angemessen zu sprechen oder gar zu schreiben. Es ist vielleicht noch zu bald. Sein Hingang ist noch zu sehr Gegenwart, der eben erst geatmete Augenblick. Aber eigentlich kann ich mir auch gar nicht vorstellen, daß er jemals so weit zurückliegen könnte, daß es mir möglich würde. Zu selbstverständlich ist es, daß er danebensteht und ich es ihm ins Gesicht sagen und denken muß. Mit entsetztem — nein, so grelle Dinge gibt es bei ihm nicht — mit einem erstaunten, fragenden Nichtbegreifen, mit nachsichtiger verweisender Bestimmtheit greift er stumm, lächelnd nach meiner Hand, damit ich nicht über das erste Wort hinauskomme— und ich nütze mit quälendem Gewissensdruck seine physische Verhinderung aus, sie festzuhalten. Was könnte ich Fremden über ihn aussagen? Wer ihn nicht kannte, kann sich vielleicht ein so bis ins Letzte singuläres Wesen nicht vorstellen. Die geringste Reflexbewegung noch hatte etwas von dieser persönlichsten Eigenart. Mit einer nicht überbietbaren Schärfe und Klarheit des Blicks prüfte und entzauberte, entschälte er das Echte des äußeren und inneren Lebens bei sich und anderen. Er verurteilte nie; er stellte fest. Ohne Haß und Scheu, aber auch ohne verzärtelnde Empfindsamkeit faßte er das Skelett jeder Seele, jeder Begebenheit, jeder sich ereignenden Situation sicher, aber doch dabei mit so zarten, behutsamen Fingern, daß auch die Kälte des unbarmherzigen Durchschauers — war es die Grazie des Ausdrucks, war es die unverwelkliche Güte des reinen Willens? — nie wehtat, niemals frösteln machte. Daß ihm die Liebe zum Irrweg, die Verliebtheit in das Nebenher, in das Kleid der Dinge nicht fehlte, braucht man bei einem so bildkräftigen Dichter nicht zu betonen, aber er wußte das Wie, das Nebenher, das Kleid der Dinge so durchsichtig und dahinter die Wahrheit des Kerns so greifbar existent zu finden, zu erfinden, daß die Einheit des Ewigen und des Zufälligen, des Wesentlichen und seines zufälligen, wechselnden Gesichts zu einer magischen, unwiderstehlichen Selbstverständlichkeit wurde. Er war von Natur ein Fanatiker voll ausschweifender Phantasie, aber dieses Glühen zügelte er mit' inbrünstigem Ringen nach strenger Sachlichkeit. Seine beispiellose Überwindung alles verführerischen, süßlichen Schwärmens und Schwelgens in Gefühlen und verschwommenen Träumereien war ein Teil seines religiös anmutenden — körperlich ins spleenhafte sich auswachsenden— Reinlichkeitskults. Er schuf mit der subjektivsten Bildform, aber es mußte als die äußerste Objektivität wirken. Die Zerrissenheit, die tragische Zweiheit des naturentwöhnten Juden Europas spiegelte bei ihm das ästhetische Schicksal seiner Eingebungen: das persönliche Erlebnis und dessen göttliche Flucht in die Phantasmagorie, die einzige Rettung vor der Entweihung durch die Lüge, die einzige Möglichkeit, allgemein gültig, allgemein erfaßbar und doch wahr, un verwässert echt zu bleiben, subjektiv und objektiv zugleich zu sein. Rührend war seine Art, Jude zu sein und vor allem, Jude sein zu wollen. Seine Sehnsucht ging — durchaus nicht nur akademisch — ins Land unserer Volks Verjüngung. Das Studium des Hebräischen war für ihn eine treu und fast leidenschaftlich geliebte Arbeit, mit der er auch in bösen Zeiten seiner Krankheit kaum einen Tag ganz ausgesetzt hat. Worin das Einzigartige seiner menschlichen wie künstlerischen Persönlichkeit besteht, läßt sich nicht leicht auf eine Formel bringen. Die Ausnahmestellung seines literarischen Werks im Schrifttum unserer Tage läßt sich begründen, aber nur wer die tiefe innere, selbstverständliche Übereinstimmung jeder seiner flüchtigsten Äußerungen, seiner Worte,