Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Juden in Europa [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 424 (sequence 2)
- Language
- German
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424 Bemerkungen: „Juden in Europa" sc.hen werden sie plötzlich begriffen, als Volk, „dessen Schicksal.. . vielleicht das erschütterndste Drama der Weltgeschichte" ist, und zwar ein Drama, bei dem der V. Akt if i c h t im Jahre der Kreuzigung Christi liegt und auch nicht im Jahre der Tempelzerstörung, vielmehr ein Drama, dem heute und immer noch die Christenheit beiwohnt und beiwohnen soll, und in dem sie mitspielt. Damit ist Döllinger, der Greis, über den jungen Döllinger von 1857, der „Heidentum und Judentum als Vorhalle zur Geschichte des Christentums*' geschrieben hatte, über sich selbst und alle seine Vorgänger hinausgewachsen, und er hat — oder hätte, wenn man auf ihn hörte, — seine Hörer über die Stufe der unfruchtbaren Verdrängung menschlicher Probleme ins „wissenschaftliche" Teil des Menschen hinausgeführt. Das ist die Tat des greisen Mannes, daß er auszusprechen wagt, was ist, und nicht die „Juden in Europa" sich vom Leibe hält, um sie ins philosophische oder historische oder theologische Kämmerlein zu sperren. Was hier geschah, war eine menschliche Tat, keine wissenschaftliche, keine „akademische"! Und weil es so viel schwerer ist, menschlich zu sein als wissenschaftlich, und am allerschwersten, wissenschaftlich zu sein und doch menschlich, deshalb ist Döllingers Rede verklungen vor den Ohren derer, „die da nicht sehen" und daher auch nicht glauben! Die Rede enthält Allbekanntes, wie man es wissen kann, wenn man es wissen will, oder wie Döllinger sagen würde, es wissen muß. Sie begreift vor- und nachchristliches Judentum als ein einheitliches Leben, in dem das Christentum nicht den Todesschnitt bedeutet, sondern den Einschnitt, der erst den Vers zusammenhält. Sie enthält über die Juden der ausgehenden Antike, des Mittelalters, der Neuzeit, über ihre Geschichte, ihre Leistungen und ihre Leiden Richtiges und Falsches, Günstiges und Ungünstiges, vielleicht mehr vom Günstigen als vom Ungünstigen. Aber sie enthält es, weil und soweit Döllinger es an den Juden sieht,die da wirklich leben, und die nicht Schattenbilder sind, die eigentlich gar nicht mehr existieren sollten. Die Rede wie die Einsicht des Redners sind zeitbefangen, im Lob wie im Tadel. Aufgehen in der aufnahmebereiten Christenheit, werden wie alle Guten sind, das ist ihre Hoffnung für die Juden. „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da", so schließt Döllinger mit den sophokleischen Worten seine deutsche Akademierede — und hier ist seine Grenze: er sah, was vor ihm keiner gesehen oder auszusprechen gewagt hatte: im Juden den Menschen. Er sah noch nicht, daß es diesen idealen, hier wie dort gleichen Menschen in der Wirklichkeit nicht gibt, sondern nur in seiner griechisch freien, christlich weiten, männlich großen Seele. In der Wirklichkeit aber gibt es nur diesen Menschen und' jenen Menschen,diese Bestimmtheit und jene Bestimmtheit. Und die Trennung zwischen Abgrund und Abgrund, die die Liebe überspringt, den überbrückt die Lehre, die des greisen Mannes Meister aus allem, was je jüdisch ist, zusammengeballt hat in jenem Riesenwort: Du sollst lieben den Herrn deinen Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst. Rudolf Hallo