Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Juden in Europa [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 423 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN „Juden in Europa" Aus einer prächtigen Sammlung deutscher Akademiereden von Schiller bis Wilamowitz und Harnack, die der Münchener Professor Strich zum Druck befördert hat, hat Leopold von Wiese die berühmte Döllingersche Rede über „Die Juden in Europa" herausgelöst und, mit Vorwort versehen, leicht zugänglich gemacht x). L. v. Wieses warmherzige Vorrede will durch Döllingers Worte mahnend, läuternd, reinigend auf die Trübheit unserer deutschen Not wirken; er will, daß die Tat des greisen Redners der Kleinlichkeit unserer gerechtigkeitslosen Schärfe, d. h. unserer gereizten Mattheit entgegenarbeite. „Mangel des Gerechtigkeitssinnes", diese Worte hebt Wiese aus Döllingers Rede heraus, das ist „unser Gebrechen". Was war die Tat Döllingers? Das Äußere ist dies: am 25. Juli 1881 hielt Döllinger als Präsident der bayrischen Akademie zur Feier des königlichen Geburtstages eine Festrede: »Die Juden in Europa". Diese Rede, mit entschuldigenden Worten eingeleitet, mit momentanen Notwendigkeiten des Kampfes von Sernitismus und Antisemitismus begründet, enthält nachrichtlich kaum etwas, was nicht jedermann bequem wußte — oder doch wissen konnte, denn die jüdischen Geschichtsschreiber Jost und Grätz lagen längst vor. Der Wert der Rede kann also weniger im Stoff gesucht werden als in dem Geist, der diesen Stoff diesem Publikum von bewährten deutschen Gelehrten bei dieser Gelegenheit eines vaterländischen Festtages vor2utragen wagte. Wer war der Redner, der "üt seinem Thema eine vererbte Indolenz, eine anerzogene oder gewollte Stumpfheit *) München 1924, Meyer u. Jessen. anzugreifen den Mut hatte? Es war derselbe, der einer noch stärkerenTraditionsmacht, noch festeren Vorurteilen die Wärme seines lebendigen Herzens und die Klarheit seiner überlegenen Vernunft entgegenwarf, der zweiundachtzig jährige fromme Katholik und Papstgegner, der Kirchenhistoriker und Parlamentarier von 48: Johann Joseph Ignaz von Döllinger. Er, der in einzigartigem Trotz der Unfehlbarkeitserklärung des Papstes widerstanden hatte, der für seine kirchliche Exkommunikation mit allen Würden akademischer Sozietäten entschädigt wurde, er griff einen ewig vor allen Christen liegenden, zerarbeiteten Stoff auf, und diese Hände formten ein noch nie gesehenes Bild. Mit einem Schlage sind jene Theorien und Theoreme zerbrochen, die die Christenheit gegen das Judentum verteidigten. Nicht mehr als lebendige Zeugnisse der Wahrheit des Christentums, nicht mehr als Besitz des Kaisers, nicht mehr als Zeugen ihrer eignen Schande und Halsstarrigkeit werden die Juden behandelt und aufgehoben, wie es Hochmittelalter, Humanismus und Reformationszeit getan hatten; aber auch nicht mehr als verrufene Nachfahren einer großen Vergangenheit, als Kuriositäten, als erbunwürdige Bittsteller um den in Christenhände übergegangenen Besitz des Alten Testaments erscheinen sie, wie in der Epoche der kleinbürgerlichen, der barocken und der Aufklärungsgesinnung; ja nicht einmal mehr als Schöpfer von ästhetischen Sonderwerten oder als überholte Vorläufer und verbrauchte Werkzeuge dessen, was kommen sollte, agieren sie auf der Bühne, die Romantiker und Idealisten gezimmert hatten, um auf ihr das große Spiel der Weltgeschichte entwirrt und überschaubar reproduzieren zu können — sondern als M e n -