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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 412

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Zur Wertung des Alters im Judentum
Date
1924-01-01
Page
412 (sequence 1)
Language
German
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412 Ernst Simon: ERNST SIMON / ZUR WERTUNG DES ALTERS IM JUDENTUM1) Die hohe Einschätzung des Alters erscheint dem gesunden Menschenverstand von heute als eine natürliche Kategorie. Sie ist das aber keineswegs. Wir werden nachzuweisen haben, daß sie eine Kategorie innerhalb des monotheistischen, das heißt also des jüdischen Systems ist. Von hier aus hat sie ihren Weg auch zu den abgeblaßten und verfälschten, pseudomonotheistischen Religionen Europas genommen und hat dort — wie so vieles — ihren Platz gefunden, ohne recht hineinzupassen. Sie hat so herrliche Ergebnisse gezeitigt wie Jacob Grimms ,,Rede über das Alter", aber sie ist auf die Dauer nicht unbestritten geblieben. Das Dilemma, in dem sich Alters Verehrung in einem nicht grundsätzlich streng monotheistischen System befinden muß, brach klar durch bei dem Denker, der, zum erstenmal wieder seit dem Mittelalter, als ein bewußter Scholastiker,, die Dreieinigkeit zum Beispiel seiner Philosophie machte, nicht zwar um seine Philosophie durch die Dreieinigkeit, sondern vielmehr um die Dreieinigkeit durch seine Philosophie zu stützen: bei Hegel. In einer ihm selbst unbemerkt gebliebenen Antinomie, die an vielen Stellen seiner Werke, am deutlichsten aber am Schluß der Vorrede zur Rechtsphilosophie in Erscheinung tritt, wird dies Dilemma deutlich. Für die Hegeische Fortschrittsteleologie mit ihren apokalyptischen Stimmungen und ihrer Neigung, das Bild des menschlichen Organismus für das Geschichtswerden zu gebrauchen, muß zunächst einmal das Greisenalter der Menschheit und das des Einzelnen die Stufe der höchsten Vollendung sein — und ist es auch. Mit der Hegeischen Philosophie ist für das Bewußtsein ihres Trägers das tausendjährige Reich angebrochen. Auf der anderen Seite aber ist sie beherrscht von der pessimistischen Einsicht in den rationalistisch-intellektuellen Charakter jeder Spätzeit — ein Gedanke, der heute durch Spengler vulgär geworden ist — und bringt diese Einsicht in den berühmten Worten zum Ausdruck: „Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen: die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug."2) Diese Antinomie zwischen der Ohnmacht und der Allmacht der Vernunft, oder, für unseren Fall gefaßt: zwischen dem biologischen Verfall des Greisenalters und seiner intellektuellen Entfaltung im sich erfüllenden Selbstbewußtsein — sie kommt Hegel nicht einmal zum Bewußtsein und ist meines Wissens bisher nicht bemerkt worden3). Ihre Wurzeln stammen J) Mit diesem Vorabdruck aus der „Festschrift zum 60. Geburtstage von Nathan Birnbaum", die in Kürze erscheinen wird, stattet die Redaktion diesem vielleicht unermüdlichsten Juden unserer Zeit ihre herzlichen Glückwünsche ab. 2) G. W. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, Ausgabe von G. Lasson, 2. A.,. S. 17. °) Vgl. mein demnächst erscheinendes Buch: ,,Ranke und Hegel".

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