Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 7 · p. 369

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 7
Article
Deutsche und jüdische "Schuld" und Aufgabe
Date
1924-01-01
Page
369 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101208-3109457--7113-3109477
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WOLFGANG SCHUMANN / DEUTSCHE UND JÜDISCHE „SCHULD" UND AUFGABE1) Die Aufgabe, vor einem jüdischen Forum über Judentum zu sprechen, kann einen deutschen Schriftsteller wohl erschrecken. Nicht, weil sie schwierig ist und weil bisher jüdische Autoren weit eindringlicher, scharfsinniger und kenntnisreicher über das Judentum geschrieben haben als deutsche und weil daher ein sehr hohes Mindestniveau geschaffen scheint. Ich gedenke nicht, in Wettbewerb mit ihnen zu treten. Schwierig ist die Aufgabe vor allem, weil auch ein relativ selbständiger Kopf ständig durchschwirrt wird von Klischeewendungen, Urteilen und Charakteristiken, welche das öffentliche Leben bis in hochgebildete Kreise hinein beherrschen und wenn vielleicht nicht alle falsch, doch zu allermeist oberflächlich oder schief und ungerecht sind, weil sie isoliert auftauchen, ohne den Untergrund einer Vollanschauung von Judentum oder gar einer Gesamtanschauung von Mensch- und Volkstum schlechthin. Ich will hiervon ein kleines Beispiel geben. Oft wird vom „Rationalismus" der Juden gesprochen; diese Wendung nun macht auf viele Deutsche den Eindruck, als sei damit etwas zentral Charakteristisches, ja beinahe Erschöpfendes gesagt; und doch müßte sie ergänzt werden durch eine Abgrenzung der jüdischen Abart von Rationalismus gegen andere Abarten und untergründet werden durch eine Anschauung von der Bedeutung des Rationalismus für Leben und Geschichte; ohne dies bleibt die Wendung in der Luft hängen; wird sie in deutschen Kreisen gebraucht, so erweckt sie im redlichen Hörer zunächst die Sachlage: Ist denn jüdischer Rationalismus anders als deutscher? und dann die Wertfrage: Schadet uns denn ein Einschlag von Rationalismus? Diese herumschwirrenden Worte zunächst einmal abzutun, habe ich als meine erste Aufgabe betrachtet. Ich versuche sie zu lösen, indem ich meine Äußerungen lediglich stütze auf die eigenste Erfahrung, auf das, was mein Verkehr mit Juden aller Art mich gelehrt hat; sie sind also eingestandenermaßen höchst subjektiv, obwohl ich nicht leugne, daß ich mit einiger Literaturkenntnis bewaffnet bin, und überdies hoffe, von meiner subjektiven Erfahrung aus zu allgemeiner brauchbaren Ansichten gekommen zu sein. *) Wir setzen mit diesem Beitrag des bekannten „Kunstwart''-Herausgebers die Ausbräche deutscher Intellektueller fort, die Alfons Paquet in dem Aufsatz „Die Juden und die Volker« Jahrg. VII, Heft 9 eingeleitet hat. Als nächster soll in dieser Reihe Wilhelm lchel zu Worte kommen. Zuvor aber sollen von unserer Seite einige uns bedenklich anmutende Formulierungen des vorliegenden Aufsatzes, gemeinsam mit kürzlich bekannt ^wordenen, ähnlich gerichteten aber extremeren Äußerungen von Rudolf Eucken, zum egenstand einer grundsätzlichen Auseinandersetzung genommen werden. D. Red. Heft 7. 24

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.