Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 360

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Die jüdische Martyriologie
Date
1924-01-01
Page
360 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101207-3109313--7096-3109438
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

36o Umschau: Geschichte seit dem späteren Mittelalter-in -die Erscheinung. Die Juden, bei ihrem Auftauchen in Europa zum Teil Grundbesitzer, Ackerbauer und Weinbauer, dann, durch die Verfolgungen ^auf eine mehr nomadisierende Beschäftigung, wie sie die Geldwirtschaft bot, angewiesen, riefen damit den natürlichen Widerstand bestimmter Bevölkerungsschichten hervor, die auch von der gegen das Zinsgeschäft sich wendenden Geistlichkeit beeinflußt waren. Verschiebungen des ökonomischen Gleichgewichts und andere Momente wirtschaftlicher Art, auf die hier nicht näher eingegangen zu werden braucht, vertieften und verschärften die Reibungsflächen. Ein Kapitel für sich bildet das Verhältnis der mohamedanischen Religion zum Judentum. Der Islam, der alle sich nicht zu ihm bekennenden Völker bekämpfte, war auf national-politischer Basis fundiert, und der Gegensatz zwischen ihm und dem Judentum blieb mehr politischer als dogmatischer Natur. Das schloß nicht aus, daß einzelne Juden unter der Herrschaft des Islams zu hohen Stellungen gelangten und ihren Einfluß zu gunsten ihrer Volksgenossen geltend machen konnten. Eine innigere Verschmelzung zwischen Judentum und Islam blieb aber aus national-historischen Gründenausgeschlossen, weil Israel auf seine große geschichtliche Vergangenheit nicht verzichten konnte. Keinem Volk ist in seiner Geschichte tiefes Leid erspart geblieben. Aber kaum eines hat in seinen Konflikten mit der Umwelt solche Tragik erfahren wie das jüdische. Worin liegt diese tiefe Tragik? Nicht darin, daß unser Volk Leiden überhaupt erduldet hat, sondern darin, daß seine Leiden meist aus Ursachen entstanden, die mit dem jüdischen Wesen und den jüdischen Interessen nichts zu tun hatten. Von den Orientwirren des Altertums angefangen bis in die jüngste Zeit wiederholt sich dieses gewaltsame Hinein - zerren der Juden in Interessenkomplexe, die nicht die ihren sind. Und der tiefere Unterton, der aus all den Aufzeichnungen der jüdischen Martyriologie zu uns, wenn auch nur in schwachen Widerhall, heraufklingt, ist der Mangel der eigenen Entscheidung über sein Schicksal, die Ohnmacht gegenüber dem aufgezwungenen Leid. Denn wie vermochte der Jude sich zu wehren gegen die ständige Furcht vor neuem Verstricktwerden in den Strudel des ewigen Leidens, gegen die Qualen, die Greise und Jünglinge, Frauen und Jungfrauen, Kinder und Säuglinge, ja den Embryo im Mutterleib bedrohten, gegen die Taten entmenschter Horden, die in die friedlichen Gemeinden drangen, alles erbarmungslos niedertretend? Er konnte klagen über die geschändeten Toten, die vernichteten Heiligtümer, er konnte sein Letztes zusammenraffen, um den Genossen im Leide zu helfen, und er konnte zu ewigem Gedächtnis der Nachwelt mit den armseligen Worten der Sprache, die freilich das Sejbsterlebnis nicht zu ersetzen vermögen, seine Erinnerungen an alle erlittenen Schauer überliefern. Sieben solcher Epochen läßt Bernfeld in ihren bedeutungsvollsten Dokumenten zu uns sprechen: die Zeit des Antiochus Epiphanes, des zweiten Tempels und des Bar Kochbaaufstandes, Mohammeds und des Islams, des beginnenden Mittelalters, der Kreuzzüge, der Blutbeschuldigungen, der Vertreibung der Juden aus England. Jedem Abschnitte geht eine instruktive Einleitung voraus; die Auswahl hat Bernfeld mit der bei ihm" bekannten ungewöhnlichen Stoffbeherrschung vorgenommen. Eine anziehende Information für den Laien, nicht minder aber ein übersichtliches Quellen - buch für den Geschichtsschreiber ist so entstanden. Soll der jüdische Historiker von diesen Dokumenten lediglich Kenntnis nehmen und die Geschehnisse, wie sie sich ihm hier darbieten, verzeichnen, oder darf er auch ein Wort der Wertung dazu sagen? Man braucht nicht gerade an Übertriebenheiten der politischen Geschichtsschreibung zu denken (Treitschke), um doch in hier nicht näher zu erörternden Grenzen dem Geschichtsschreiber das Recht auf ethische Wertung zuzugestehen. Es ist freilich eine Frage des Taktes und der Gewissenhaftigkeit, wie weit er darin gehen kann, und es ist nichts leichter, als hier die Grenzen zu überschreiten. Nicht ganz mit Unrecht hat Leo Strauß in dem oben erwähnten Aufsatz deshalb die „Objektivität" des Dubnowschen Werkes angezweifelt. Auch mir scheint der Pazifist Dubnow, der sich naturgemäß in Gegensatz zu Militarismus und Antisemitismus stellt, etwas reichlich von der Lizenz des ethisch-orientierten Geschichtsschreibers Gebrauch gemacht zu haben. Aber man sollte bei aller Selbstbeschränkung nicht in den entgegengesetzten Fehler fallen, nun das, was uns in unserer Geschichte am tiefsten erschüttert, mit einer überspitzten Objektivität als einfache

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.