Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Eine hebräische Fachzeitschrift für Landwirtschaft [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 359 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau: Geschichte 359 Sußmann schreibt als Antwort den Chawerim aus Kinereth über „Bohnen und Erbsen". (Fruchtfolge, neue Sorten aus Algier und Rußland). Es folgen die Aufsätze von Sch. Schnipper „Wassergeflügelhaltung" (eine kurze Beschreibung der ausländischen Hassen), dann die Fortsetzung des Krämerschen Aufsatzes über Geflügelzucht mit reichen praktischen Winken und Anweisungen; B. Z i s i k, Biographie der Steinweichsel {über Schnitt und Düngung). Dr. Bodenheimer, Schildläuse in Palästina; M. Kesselmann „Die für einen Traktor erforderliche PS-Zahl bei Tief ackerung". Als Anhang eine Anfrage der Kwuzah Daganiah über verschiedene Fragen bei Anlegung eines Parkes und zwei ausführliche Antworten, dann ein Brief an die Redaktion, in der ein Interessent um Auskunft über Anbaumethoden und Aussichten des Leinbau bittet. Verschiedene kleine Notizen und der Briefkasten beschließen das reichhaltige Heft. Kurt Levy, Chederah GESCHICHTE Die jüdische Martyriologie In seinen Bemerkungen über den dritten Band der Dubnowschen Geschichte hat Leo Strauß die These aufgestellt, daß das jüdische Leiden „nicht bloß passives Erfahren ist, sondern es ist innerlich vorbereitet, gleichsam gewollt, ehe von diesem Erfahren viel die Rede sein konnte." Die Martyriologie habe, nach seiner Auf fassung, erstens, »>die Lebensfunktionen, jenen tiefen Haß in uns lebendig zu erhalten, der uns das Dasein in dieser Welt des Hasses ermöglicht, sie ersetzt uns Heer und Festungen; und zweitens ist sie die erkenntnismäßige Bewahrung einer wesentlichen Lebensform unseres Volkes, nämlich des Leidens als solchem." So bestechend vielleicht diese Formulierungen klingen mögen, so ist es doch überaus zweifelhaft, ob der Geschichtsschreiber mit ihnen etwas Rechtes anfangen kann. Vielleicht dürfte man diese These m die Welt der Tatsachen, von welcher der Geschichtsschreiber berichten soll, in dem Smne übertragen, daß man etwa sagt, daß das Martyrium dem jüdischen Volke jene unvergleichliche moralische Kraft verliehen habe, allen Qualen zum Trotze sein Ich zu bewahren, und daß aus dem Martyrium weiter die Disposition zur inneren Auflehnung des Juden gegen die Welt und sein Ideal, sie zu bessern, entstanden sei, entweder * durch die Konstruktion einer religiösen Mission oder durch die Verkündung sozialistischer Gemeinwesen, des ewigen Friedens und ähnlicher hoher Ziele. Insofern kann man sagen, daß die Martyriologie, welche an sich Passivität bedeutet, doch auch „wesentliche Lebensform geschaffen hat". Auf solche Gedanken kommt man bei der Lektüre der acta sanctorum, der wichtigsten Dokumente, welche von der Leidensbahn des jüdischen Volkes erzählen, die der Nestor der jüdischen Geschichtsschreiber, Dr. Simon Bernfeld in dem „Buche der Tränen"1) zusammengestellt hat. Ein uraltes, viel behandeltes Thema und doch an jedem Tage wieder aktuell; denn zeitlos, wie Israel selbst, ist das Maß seiner Leiden, die mit dem Tage seiner Zerstreuung jene charakteristische Note erhalten, durch die sie von den Leiden aller anderen, im Heimatboden wurzelnden Völker sich abheben. Man kann in der Hauptsache drei Gründe für den Gegensatz zwischen Juden und der Umwelt anführen, die teils abwechselnd, teils in Verbindung miteinander gewirkt haben. Den Ausgangspunkt des Gegensatzes, der zum ersten Male im großen Stile in der Zeit des Antiochus Epiphanes ausbricht, bildete die religiöse Eigenart der Juden und ihre Ablehnung der Anpassung an ihre Umgebung. Die sehr beliebten Erklärungen des Gegensatzes durch die Formel Ethik gegen Ästhetik reicht hier schwerlich aus; es handelte sich vielmehr um das offensichtliche Streben der zwangsweisen Beglückung der Juden mit der griechischen Kultur, obschon die Motive in dieser Epoche nicht ganz klar waren. Zu dem religiösen gesellte sich ein kultureller Antagonismus. Griechen und Römer erblickten in den Juden ein Volk ohne Kultur, und die Juden selbst empfanden diesen Abstand tief und wurden sich, ohne gerade die Völker zu hassen, der Entfremdung völlig bewußt. Der dritte Faktor war ökonomischer Art und trat insbesondere *) Simon Bernfeld, „Sepher ha-demaoth", z. Bd., von der Zeit des Antiochus Epiphanes bis zur Vertreibung der Juden aus England, Berlin 1923, Verlag „Eschkol".