Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Neue Wege der Kunst
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 353 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Neue Wege der Kunst 353 Wesens Kern. Denn — und das ist es, was Rubin von allen anderen Orientmalern, die wir bisher hier sahen, unterscheidet — bei ihm hat alles: Dinge und Menschen, eine Persönlichkeit, und es ist eine leidenschaftlich suchende und dabei doch von einem unbekannten Schicksal bewegte Persönlichkeit. Die Vermischung dieses Tuns und Leidens aber trägt in seine Weltanschauung einen Zug, in dem wir uns selbst wiedererkennen, die Eigenart unserer neuen Welt, unserer — ich habe Furcht zu sagen: nationaler Eigenart, während es vielleicht nur die Eigenart einer jüdischen Kolonistengeneration in Palästina sein mag, Rubin ist der erste, der alte Juden gemalt hat, die nicht nach altenSachen und stockigen Büchern, kurz und gut nach Ghetto riechen. Seine Juden, in das flutende Licht des Tages gestellt, leuchten mit ihren bunten Samtkaftanen wie fremde, etwas unheimliche Tiere unbekannter Regionen. Statt des Qualmes der Judengasse liegt über ihnen der Odem einer Unendlichkeit, eines undurchdringlichen Schicksals. In dieser Verflochtenheit mit geheimnisvollen Mächten haben Rubinsche Darstellungen etwas, das ah altpersische und indische Bilder gemahnt, nur daß sie meistens Sagengestalten des Volkes in ihrer von vornherein mystischen Welt darstellen, während es bei Rubin der Mensch, derselbe Mensch, dem wir eben auf der Straße begegnet sind, ist, der an einer unsichtbaren Nabelschnur von der Unendlichkeit getragen wird. Am stärksten ist dieser Eindruck in dem Bilde des Milchmannes, der auf einem Esel, seinen jungen Sohn hinter sich, daherkommt — ein Stoff, der in einer alltäglichen Auffassung alltäglich genug wäre. Aber bei Rubin wird daraus ein Jude inmitten einer primitiven Arbeit, der sein Ich bis in alle Nerven hinein von einer großen Anstrengung und Spannung erfüllt hat, während sein Kind noch verwundert, erschreckt in eine Welt, in die es sie getrieben hat, blickt. Das erste palästinensische Bild, aus dem die Heft 5/6. Elemente des Pioniertums mit starkem Ton sprechen, mit stärkerem als aus dem großen Triptychon „Der Aufbau", in dem klassische Komposition mit moderner Sehnsucht nach Überwindung des Realen kämpft. In manchem der Bilder hat das leidenschaftliche Ringen um den Sinn die konkrete Form gesprengt: in dem Bilde vom Tiberiassee, in dem glühender Mittagstraum den See zu einer gläsernen Glocke zusammengedrängt hat, unter und neben der sich Fischer und ruhende Menschen wie unter einem Zauber, bäum befinden. In einem Seestück, indem die auf das Land Zurudernden den ganzen Sinn dieses Landes mit seiner tropischen Frucht, seinen verträumten Jungfrauen und auch mit den drei Kreuzen auf Golgatha überfällt. In der Perspektive hat Rubin Ähnlichkeit mit persischen und indischen Meistern, und diese innere und äußere Anlehnung an den Orient, vereint mit dem glühenden Interesse am psychologisch Typischen — das noch in den gebauten Häusern und gedeckten Tischen eine menschliche Individualität sich widerspiegeln läßt — schafft eine Synthese zwischen östlichem und westlichem Wesen, wie sie wohl nur in dem von Westlern bevölkerten Lande des Ostens entstehen konnte. Und in dieser Synthese ist auch der von Rubin geschaute Jude ein neuer Jude, und Rubin selber ist der erste, der imstande gewesen ist, einen Ausdruck für das Werdende des neuen Landes zu finden. Noch ist es fern von der Vollendung, noch wogt in ihm östliches und westliches Lebensprinzip gegeneinander und möchte ihn bald zu einem etwas trockenen Realismus, bald zu einem allzu chaotischen Expressionismus ziehen. Aber mit seiner Leidenschaft und seinem sehnsüchtigen Ringen nach Wahrheit, mit der er die Scylla des Dekorativen in der Orientlandschaft und die Charybdis des Sentimentalen im Juden sicher umgeht, wird Rubin immer klarer seinen Weg zum Ausdruck des neuen Landes, des neuen Lebens und des neuen Menschen finden. Helene Hanna Cohn (Jerusalem) 23